Eine Frage des Maßstabs / A matter of scale

Der Hafen Lampedusas mit der Mole bei Sonnenuntergang. © Christoph Koitka
Der Hafen Lampedusas mit der Mole bei Sonnenuntergang. © Christoph Koitka

(for English version, see below)

Wenn Probleme sehr komplex und unlösbar erscheinen, schrecken viele davor zurück, sie dennoch in Angriff zu nehmen. Aber manchmal reicht schon eine engere Perspektive, um zu verstehen und handlungsfähig zu bleiben.

Alberto Mallardo ist kein großer Mann – ein Schicksal, dass er mit vielen anderen Italienern teilt. Aber auch ein kleiner Mann kann einen Unterschied machen, wenn er große Ideale hat. Nach der Schule wurde Alberto vom Militär ausgemustert. Ehrensache, dass er trotzdem seinen Zivildienst ableistete, in einem Projekt für Roma in seiner Heimatstadt Rom. „Ich habe mich schon vorher in dem Projekt engagiert und habe dann die Chance wahrgenommen“, erzählt er. Menschen liegen dem Römer auch nach dem Zivildienst am Herzen, ein Studium der Anthropologie ist für ihn die logische Folge. Einen Job bei der UN kündigte Alberto – zu langweilig. Jetzt ist er seit Juni für Mediterranean Hope auf Lampedusa im Einsatz.

Seit Juni hat er etwa 16.000 Menschen auf Lampedusa willkommen geheißen. Allein am vergangenen Nikolauswochenende kamen binnen 24 Stunden Tag etwa 1000 Flüchtlinge an. Die Statistiken des Flüchtlingswerks der Vereinten Nationen beweisen, dass das Phänomen nicht neu ist: Insgesamt waren 2014 knapp 60 Millionen Menschen auf der Flucht. Im Mittelmeer gingen die Zahlen im November dieses Jahres erstmals zurück. Trotzdem waren hier 140.000 Personen unterwegs.

Solche Ausmaße lassen sich oft nicht mehr kleinteilig begreifen. Es ist schwer vorstellbar, dass hinter jeder der großen Zahlen die gleiche Menge an persönlichen Einzelschicksalen steht. „Die Krise“, „die Flüchtlinge“, „die Migranten“ – wir verallgemeinern, um Ordnung ins Chaos zu bringen. Wir wägen ab, um unser persönliches Risiko klein und unser Seelenheil bei maximalem Komfort intakt zu halten. Wir ignorieren Probleme, bis sie unsere eigene Lebensqualität physisch oder moralisch einschränken. Atomkraftwerke gelten als sicher, bis eines explodiert. Billiges Fleisch ist in Ordnung, bis wir eine gute Reportage lesen. Flüchtlinge sind eine abstrakte, gesichtslose Masse, bis ein totes Kind am Strand liegt.

Wenn nur das Außergewöhnliche das hilflose Zusehen beenden und die wieder berühren kann, die sich schon verschämt abgewandt haben, dann hat es mehr Beachtung verdient. Letztlich ist jeder Einzelfall für den durchschnittlichen Westeuropäer spektakulär.
Der „durchschnittliche Westeuropäer“ ist natürlich in sich eine Verallgemeinerung, darum wage ich die Behauptung: Für dich, für Sie, den Leser, ist jeder Einzelfall eines Kriegsflüchtlings spektakulär. Allein die Vorstellung, barfuß von Somalia über Eritrea, Syrien und den Irak nach Libyen zu laufen ist so weit von unserer Lebenswirklichkeit entfernt, dass sie schon für sich fast abstrakt erscheint. Wer dann noch um die instabile Lage und den teilweise offen ausgetragenen Krieg vor Ort weiß, ist zunächst betroffen und ratlos. Wer eine einzige schwangere Frau gesehen hat, die diesen Weg hinter sich hat, wird nicht mehr fragen, warum nur „gesunde, junge Männer“ kommen. Die Einzelfälle sind da – Flüchtling für Flüchtling. Man muss nur hinsehen. Manchmal muss der Maßstab erst ganz klein werden, damit man am Ende einen Überblick bekommt.

Wenn der Maßstab zu groß gesetzt wird, erscheint das Handeln schnell zynisch: Es wird dann etwa pauschal nach Nationalität entschieden, wer aufenthalts- oder asylberechtigt ist, nicht mehr wie vorgesehen nach dem Einzelfall. So haben Somalier, die aus ihrem „failed state“ fliehen, in der Praxis kaum eine Chance, in Italien bleiben zu dürfen. Nur Immigranten aus Eritrea, der Zentralafrikanischen Republik, dem Irak und Syrien haben de facto eine Chance, anhaltenden Schutz in Italien zu bekommen – eine Tatsache, die von der Politik abgestritten wird. In Deutschland wird zeitgleich beklagt, das Asylverfahren gleiche einer Lotterie.

Auch hinter den großen Organisationen, die im Auftrag Europas die Grenzen bewachen, allen voran Frontex, stehen Menschen. Einen von ihnen, Roberto (Name geändert), treffen wir in einem Imbiss. Der Frontex-Mitarbeiter nutzt ebenfalls schematisches und unpersönliches Denken, um sich emotional von den anscheinend zahllosen und doch genau erfassten Tragödien zu distanzieren. „Die Migranten haben drei Zustände“, erzählt er. „Zuerst, wenn wir sie einsammeln, sind sie ganz unterwürfig, ‚Hilfe, Hilfe’. Dann, auf dem Boot, beginnen die ersten schon unverschämt zu werden, Grenzen auszutesten. An Land pochen dann alle auf ihre Rechte!“ Alle, immer. Robertos Weltbild steht felsenfest, auf dem Handy zeigt er Bilder von Flüchtlingen auf Gummibooten im grellen Scheinwerferlicht wie Urlaubsschnappschüsse. „Die Migranten brauchen eine deutliche Ansprache“, ist er überzeugt. „Nicht grob, aber bestimmt. Das ist notwendig, die haben ja zum Beispiel alle keinen Respekt vor Frauen. Bei denen da drüben gilt die Frau nichts!“ Klar, dass die Flüchtlinge das Aufnahmezentrum nicht verlassen dürfen: „Jetzt könnte man natürlich mit den Menschenrechten kommen. Aber das geht halt einfach nicht!“
Andere Mitarbeiter des europäischen Abwehrmechanismus’ beschweren sich am Telefon über das „Dreckloch“ Lampedusa oder machen ihre Späße auf Kosten der Flüchtlinge: „Komm in meine Arme, kleiner Migrant, komm!“
Einzelfälle auch hier, die aber Rückschlüsse auf ein zynisches System zulassen.

Es ist nicht schwer vorstellbar, dass Alberto mit seinen im Nacken zu einem Knäuel gebundenen, sonst hüftlangen Rastalocken und die martialisch auftretenden Militärs und Polizisten untereinander Reibungsflächen haben. „Da kommen die Punks schon wieder“, stöhnen Sicherheitskräfte, wenn Alberto lässig rauchend und im Schlabberlook die Mole betritt. Der selbstgerechte Weltverbesserer, der mit Trinkpäckchen ein globales Problem lindern will, ein weltfremder Spinner, so sehen sie ihn. Ist es im Angesicht des Ausmaßes der Katastrophe sinnlos zu helfen?

Alberto hat seine Antwort gefunden, weil er sich die Frage gar nicht stellt.

Zur Zeit sind vermehrt Flüchtlinge auf der Via Roma zu sehen, kleine Gruppen von zwei bis fünf Leuten. Schwer vorstellbar, dass sie ohne das stille Einverständnis der Sicherheitskräfte das gut bewachte Zentrum verlassen haben. Alberto hat die Geschichte von einem von ihnen, Ibrahim, auf dem Projektblog dokumentiert. Ein anderer Flüchtling hat Alberto einen kurzen Brief geschrieben: „I thank you very much because you were interested in us!“, heißt es da. Dieses Interesse an notleidenden Menschen ist nicht mehr für jeden selbstverständlich. Es ist aber das Mindeste, was wir jedem einzelnen der Menschen, die sich hinter den abstrakten, großen Zahlen verbergen, entgegenbringen sollten.

 

A matter of scale

When problems appear very complex and unsolvable, many people hesitate to attack them. But sometimes a more narrow perspective is enough to understand and remain able to act.

Alberto Mallardo is not a big man – a fate he shares with many of his fellow Italians. But a short man can make a difference as well, granted he has high ideals. After school, Alberto was rejected by the military. For him, it was a matter of honour to do his civil service nonetheless, in a project for Roma people in his homewtown, Rome. „I was helping in the project before and stood by it“, he recalls. Humans are the Romans passion also after civil service, undertaking studies in anthropology is the logical conclusion for him. Alberto quits a job with the UN – too boring. Since June, he now is working for Mediterranean Hope on Lampedusa.

Since June, he welcomed about 16.000 people to Lampedusa. Only on the last St Nicholas’ Day weekend, about 1000 refugees arrived within 24 hours. The statistics of the UNHCR prove that the phenomenon is not new: All in all, 60 million people were considered refugees in 2014. In the Mediterranean, numbers decreased for the first time this November. Nevertheless, 140.000 people were on the run in this area.

Such dimensions are often not understandable in detail. It is hard to imagine that every single of the big numbers stands for the same amount of personal fates. „The crisis“, „the refugees“, „the migrants“ – we generalize to bring order to the chaos. We ponder to maintain our personal risk small and our conscience intact with maximum convenience. We ignore problems until they limit our personal quality of living physically or morally. Atomic power plants are considered safe until one blows up. Cheap meat is ok, until we read a well written report on it. Refugees are an abstract, faceless crowd, until a dead kid is lying on the beach.

If only the extraordinary can end the helpless watching and touch those again who turned away in shame, it deserves more attention. In the end, every individual case is spectacular for the average West European. The “West European” is, of course, a generalization in itself, therefore I claim: For you, the reader, every individual case of a war refugee is spectacular. The image of someone going barefoot from Somalia via Eritrea, Syria, and Iraq to Libya is already so far away from our reality that it almost seems abstract. Everyone who knows in addition about the unstable situation and the partially openly raging war in the region is immediately startled and puzzled. Everyone who has seen a single pregnant woman having come that way will never ask again why it is only “healthy, young men” who are coming. The individual cases are out there, refugee by refugee. One only has to look. Sometimes, the scale must be very small first to get an overview in the end.

If the scale is set too large, actions quickly appear cynical: It is then generally decided by nation who has a right to stay, for instance, and not from case to case, like it is designated. Somalis who abandon their ‘failed state’ have practically no chance to remain in Italy. De facto, only migrants from Eritrea, Iraq, Syria and the Central African Republic have a real chance to be granted persistent shelter in Italy – a fact denied by the politicians.

There are also human beings behind the big organisations that guard the borders on behalf of Europe, most prominently Frontex. We met one of them, Roberto (name altered) in a snack bar. The Frontex employee is using schematic and abstract thinking himself to distance himself emotionally from the seemingly countless and yet so well documented tragedies. “The migrants have three conditions”, he tells us. “First, when we pick them up, they are very submissive, ‘help, help’. Then, on the boat, some of them start to become a bit cheeky, testing their boundaries. On land, everyone is claiming their rights!” All of them, always. Roberto’s worldview stands rock-solid, on his cell phone he shows pictures of refugees in rubber boats in bright searchlight as if it were holiday snapshots. “The migrants need to be addressed clearly” he is convinced. “Not rough, but firm. That is necessary; those guys all don’t have any respect for women, for example. Over there a woman is nothing!”
Of course, the refugees are not allowed to leave the reception centre. “I know, one could argue with human rights here. But it is just not possible!”
Other employees of the European defence mechanism complain about the “shithole” Lampedusa on the phone or make their jokes on the refugees: “Come into my arms, little migrant, come!”
Individual cases again, which again allow inferences to a cynic system.

It is not hard to imagine that Alberto, with his usually hip-length dreadlocks tied to a knot in his neck, and the martially acting members of military and police feel some friction in their encounters. “There are those punks again”, security personnel grunts when Alberto, dressed laid-back and smoking casually, enters the mole. The self-righteous, starry-eyed idealist who wants to ease a global problem with juice boxes, that’s how they see him. Is it useless to help, considering the extension of the catastrophe?

Alberto has found his answer, because he doesn’t even bother to ask himself that question.

At the moment, refugees are around on Via Roma increasingly, mostly small groups of two to five people. It is hard to imagine that they left the well-guarded centre without the silent permission of the security personnel. Alberto documented the story of one of them, Ibrahim, on the project’s blog. Another refugee wrote a short letter to Alberto: “I thank you very much because you were interested in us!“, it says. This interest in ailing humans is not natural for everyone any more. But it is the minimum of what we should offer any single one of the people which are hiding behind the abstract, big numbers.

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