Unter der Oberfläche / Under the surface

CPA Aufnahmezentrum Lampedusa 12.11
Das Aufnahmezentrum im Inselinneren. © Christoph Koitka

(for English version, see below)

Die Welt kennt Lampedusa vor allem aus den Nachrichten, als erste Anlaufstelle der Migrantenströme, als Außenposten der „Festung Europa“. Doch natürlich ist das nicht alles, was das Leben auf der Insel ausmacht. Gerade was in Deutschland viel gelobt wird, ist aber auf Lampedusa ein Problem: Das freiwillige Engagement der Bevölkerung.

Die Unechte Karettschildkröte (Caretta caretta) ist eine Art lebendes Wahrzeichen von Lampedusa. Neben dem Umriss der Insel ist sie das beliebteste Symbol für touristische Souvenirs: Auf Taschen, Tüchern und T-Shirts zieht ein stilisiertes Exemplar der Wasserschildkröte ihre Kreise. Ein biologisches Zentrum am Handelshafen kümmert sich um die Meeresbewohner, und auf Lampedusa gibt es für sie eigens geschützte Gebiete. Der Schutz ist wichtig, damit die Schildkröten in Ruhe an Land kommen und dort ihre Eier ablegen können. Für Meeresbiologen ist die Art ein gut dokumentierter Untersuchungsgegenstand: Die meisten Erkenntnisse über Meeresschildkröten haben Forscher durch die Beobachtung von Caretta caretta gewonnen. Wenn die Forscher nur am Strand gesessen und auf die Tiere gewartet hätten, wären die Befunde wohl eindeutig gewesen: Schildkröten tauchen auf und legen Eier. Dann verschwinden sie wieder. Abgetaucht bis zur nächsten Brut. Das wirkt natürlich ein bisschen albern. Jeder weiß, dass mehr zu einem Schildkrötenleben gehört.

Wenige Kilometer östlich vom Schildkrötenschutzgebiet, immer an der Küste entlang, beginnt die Via Roma. Die einzige Einkaufsstraße Lampedusas zieht sich rund 800 Meter vom Hafen nach Nordosten, ins Inselinnere, die ersten 300 davon als Fußgängerzone. Wenn man abends die Via Roma entlanggeht, grüßen immer die gleichen Gesichter. Das Personal ist vielfältig: Pasquale, der alte Fischer. Paola, die engagierte Wahl-Lampedusanerin. Laust, der dänische Anthropologe. Moez, der Mediator. Luisa, die WWF-Freiwillige im Schildkrötenzentrum. Eugenia, die junge Ärztin. Marie, die Autorin aus Paris. Abends trifft man sich im Café Royal zum aperitivo. Man kennt sich, die Insel ist klein. Wenn man nur auf der Via Roma flanieren würde, wäre der Befund wohl eindeutig: Lampedusa ist von engagierten Menschen aus verschiedenen Ländern bevölkert, die, jeder für sich, gemeinsam die Insel zu einem besseren Ort machen wollen. Das wirkt natürlich ein bisschen albern. Jeder weiß, dass auf Lampedusa auch Einheimische wohnen.

Etwa 6000 Menschen leben hier quasi mitten im Mittelmeer. Paola ist eine von ihnen. Dennoch sagt sie: „Ich werde niemals eine echte Lampedusanerin sein!“ Seit 13 Jahren wohnt sie auf der Insel. Für Neuankömmlinge wie Journalisten, Aktivisten und Forscher scheint sie ein Aktivposten der Gemeinde zu sein. Tatsächlich ist sie eine unermüdliche Einzelkämpferin, die erst in jüngerer Zeit Mitstreiter gefunden hat. Der engagierte Priester Don Mimmo zählt zu ihnen, auch die Gruppe von Mediterranean Hope. Im Forum Lampedusa Soledale werden Strategien diskutiert, um die breite Bevölkerung für das gerade hier so naheliegende Thema Flucht und Migration zu sensibilisieren. Alle Mitglieder des Forums leben seit kürzerer oder längerer Zeit auf der Insel. Ein echter Lampedusaner ist keiner von ihnen.

Jahrelang ist Paola alleine losgegangen, wenn Flüchtlingsboote ankamen. Ein Gruß, ein Becher mit Tee, ein kleiner süßer Snack, wie sie in Italien so beliebt sind: Das hat sie anzubieten. Zumindest sieht es so aus, wenn man Paola an der Ankunftsstelle für die Boote der Küstenwache beobachtet. Jüngst gab es bei der Ankunft eines weiteren Flüchtlingsbootes Ärger mit den Militärpolizisten. Mediterranean Hope und auch das Forum Lampedusa Soledale sind keine offiziellen Hilfsorganisationen, sondern Projekte. Darum ist der Zugang zur Mole – offiziell militärisches Sperrgebiet – nicht immer möglich. Gleiches gilt für das Erstaufnahmezentrum im Inselinneren. „Gib doch deine Süßigkeiten und den Tee einfach dem Roten Kreuz!“, haben Bekannte daraufhin vorgeschlagen. Das macht Paola fassungslos. Denn sie bietet nicht Trinkpäckchen und einen Händedruck an: „Die Migranten willkommen zu heißen, ist ein Akt der Würde!“, sagt sie mit Nachdruck. „Und es geht nicht nur um die Würde der Menschen, die hier ankommen, sondern auch um die derjenigen, die hier leben! Was für Menschen sind wir? Was für Menschen wollen wir sein?“

Bereits in der Antike war Lampedusa „ein Durchgangsort für alle Zivilisationen des Mittelmeers“, so kann man es am kleinen Stadtarchiv des Ortes auf einer Infotafel lesen. Um ihre Identität und ihre Autonomie zu unterstreichen, prägten die Insulaner eigene Bronzemünzen. Ein bärtiger Gott auf der einen, ein Thunfisch auf der anderen Seite. Eine selbstbewusste Handelsmacht an einer strategischen Stelle, stolz auf die eigene Gemeinschaft: Das scheint das antike Lampedusa gewesen zu sein. Heute wirkt es, als lebten die Bewohner ihrerseits auf eigenen, kleinen Inseln, weit weg von den Flüchtlingsströmen und dem medialem Lärm, den sie auslösen. Kleine, schroffe Felsen, die stoisch den anbrandenden Wellen trotzen. Schildkröten, die abtauchen, wenn es an Land ungemütlich wird.

So wie Forscher Caretta caretta untersuchen, um das Wissen über Meeresschildkröten im Allgemeinen zu vergrößern, steht auch Lampedusa als Sinnbild der Flüchtlingskrise im Fokus. Und genau so, wie Biologen sich aufmachen auf das Eiland im Mittelmeer, kommen auch Sozialwissenschaftler und Journalisten. Wo das Forum Lampedusa Soledale die Insulaner im Fokus hat, stellt Mediterranen Hope auch eine Anlaufstelle für die Außenwelt dar. „Ihr seid ja immer unsichtbar, nur wenn die Migrantenproblematik aufkommt sieht man euch in den Medien!“, sagt Carlo, einer von ihnen.

Es ist ein Paradoxon: Während die ganze Welt auf Lampedusa blickt, bleibt die Tragödie den Einwohnern verborgen. Die Migranten kommen auf Booten der Küstenwache im Sperrgebiet an, steigen in einen Bus und werden ins Landesinnere gefahren. Das Aufnahmezentrum liegt verborgen in einer felsigen Senke, abgeschottet. Diese Unsichtbarkeit ist gefährlich: Wenn die Schildkröte untertaucht, muss man nicht einmal wegsehen, um sie nicht mehr zu sehen. Wenn es aber, wie Paola sagt, um die Würde geht, dann muss man ins kalte Wasser springen und der Schildkröte hinterherschwimmen – ganz egal, welche Schrecken und unbequemen Wahrheiten in der Tiefe lauern.

 

Under the surface

The world knows Lampedusa from the news, as first place of refuge for the masses of migrants, as outpost of „Fortress Europe“. But of course, this is not everything that defines life on the island. Especially one thing praised in Germany is lacking here: The voluntary dedicaton oft he population.

The loggerhead sea turtle (Caretta caretta) is a living emblem of Lampedusa. Next to the island’s outlines, it is the favourite symbol for tourist souvenirs: On bags, rags and t-shirts cirlces a stylized sea turtle. A biological centre at the commercial port cares for the maritime creatures, and there are special reserves for them. The protection is important for the turtles, to be able to come ashore and lay their eggs without disturbance. For maritime biologists, the species is a well documented research subject: Most insights about sea turtles have been gathered by scientists through the observation of Caretta caretta.
If the researchers had only been sitting at the beach and waited there for the animals, the outcomes would have been clear: Turtles emerge and lay eggs. Then they disappear again. Submerged until the next hatch. That seems somewhat ridiculous, of course. Everyone knows that there is more than that to a turtle life.

Few kilometers east of the turtle reserve, along the coast, Via Roma starts. The only shopping promenade of Lampedusa reaches about 800 meters from the port in a north east direction, into the inner part of the island, the first 300 as pedestrian zone. Strolling along Via Roma in the evening, it is always the same faces you see, greeting. The staff is diverse: Pasquale, the old fisherman. Paola, the committed Lampedusan by choice. Laust, the Danish anthroplogist. Moez, the mediator. Luisa, the WWF-volunteer in the turtle centre. Eugenia, the young doctor. Marie, the author from Paris. In the evenings, people meet for aperitivo at Café Royal. Everyone knows each other, the island is small, after all. If one would only walk along Via Roma, the impression would be clear: Lampedusa is inhabited by committed people from different countries who, one by one, want to make the island a better place together. That seems somewhat ridiculous, of course. Everyone knows that there are natives on Lampedusa, too.

About 6000 people live here right in the middle of the Mediterranean, so to say. Paola is one of them. Despite that fact, she says: „I will never be a real Lampedusan!“ She has been living on the island for 13 years by now. For newcomers like journalist, activists and researchers, she seems to be a pilar of the community. In reality, she is a tireless lone wolf who has found allies only recently. The busy priest Don Mimmo is among them, also the Mediterranean Hope group. The „Forum Lampedusa Soledale“ discusses strategies of engaging the public in the obvious topic cluster „escape and migration. All members of the forum have been living on the island for shorter or longer periods. None of them is a ‚real’ Lampedusan.
For years, Paoloa went alone when refugee boats arrived. A greeting, a cup of tea, a small sweet snack of the kind widely appreciated in Italy: That is what she has to offer. At least, that is what it would look like if someone was to watch her at the arrival point of the coastguard’s boats.

Only recently, there was some trouble with the military police officers when another boat arrived. Mediterranean Hope and the Forum Lampedusa Soledale are not officially registered as NGOs, they are only projects. That is why permission to the mole – officially a military no-go area – is not always granted. The same is true for the reception centre in the interior of the island. „Just give your sweets and tea to the Red Cross!“, friends suggested. Paola is bewildered by that attitude. She does not just offer juice boxes and a handshake: „Welcoming the migrants is an act of dignity!“, she says firmly. „It is not only about the dignity of the people who come here, but also that of the people who already live here. What kind of human are we? What kind of human do we want to be?“

In ancient times, Lampedusa was already a „passing-through location for all civilizations of the Mediterranean“, according to an info poster at the island’s small town archive. To stress both their identity and autonomy, the islanders coined their own bronze currency. A bearded god on one side, a tuna on the flipside. A confident trade power, located in a strategic spot, proud of the own community: That appears to have been the ancient Lampedusa. Today it seems like the inhabitants live on their own private islands, far away from the masses of refugees and the medial noise that they evoke. Small, pointy rocks that stoically defy the breaking tides. Turtles that submerge into the sea when it gets rough on land.

Like scientists examine Caretta caretta to increase the knowledge about sea turtles in general, Lampedusa is a symbol for the refugee crisis. And just like biologists set sail for the island in the Mediterranean, journalists and sociologists travel there, too. While the Forum Lampedusa Soledale focuses on the islanders, Mediterranean Hope is also a contact point for the outside world. „You are always invisible, only when the migration issue comes up you are seen in and by the media!“, exclaims Carlo, one of the visiting journalists. It is a paradox: While the whole world watches Lampedusa, the tragedy remains hidden from the eyes of the islanders. The migrants arrive on coastguard boats in the no-go area, enter a bus and are driven to the middle of the island. The centre is hidden in a rocky valley, sealed off.
This invisibility is dangerous: When the turtle dives downwards, it is not even necessary to look away for not seeing it anymore. But if it really is, as Paola says, a question of dignity, it is necessary to take a jump into the cold water and follow the turtle – regardless of terrors and inconvenient truths lurking in the depths.

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