Quantenphysik

Francesco (r.) und ein Freund sehen die Liveberichterstattung zu den Anschlägen von Beirut. ©Christoph Koitka
Francesco (r.) und ein Freund sehen die Liveberichterstattung zu den Anschlägen von Beirut.
©Christoph Koitka

Flüchtlingskrise, Terroranschläge, die große Welt und das kleine Lampedusa – alles ist in Echtzeit miteinander verbunden. Eine Spurensuche nach dem „Großen Ganzen“, das die aktuelle politische Lage so kompliziert macht.

Francesco spricht kein Arabisch. Dennoch verfolgt er gebannt die Nachrichten auf Al Jazeera, die in einem Internetstream vom PC-Bildschirm flimmern. Der Reporter berichtet live aus Beirut, im Hintergrund Chaos. Menschen laufen durcheinander, Sirenen heulen. Vor nicht einmal einer Stunde wurden bei einem terroristischen Doppelanschlag mehr als 40 Menschen getötet, hunderte verletzt. „Das wird alles ändern!“, sagt Francesco leicht außer Atem.

Er öffnet hektisch einen neuen Tab in seinem Browser, hackt „Google Maps“ in die Tastatur. „Bourj al Barajneh“. Enter. Auf dem Bildschirm laden die Straßengitter der südlichen Vorstädte Beiruts. Dann erscheint in der Bildschirmmitte, rot umrandet und blassrot hinterlegt, das entsprechende Viertel. Francesco hält die linke Maustaste gedrückt, zwei, drei Zentimeter zieht er die Karte gen Norden, kreist dann mit dem Mauszeiger wild um eine Straßenkreuzung oberhalb eines Kreisverkehrs. „Genau hier“, sagt er mit ungläubigem Blick, „genau hier sind wir abgebogen.“ Der schwarze Pfeil vollzieht den Weg nach, den Francesco nur drei Tage vorher gegangen ist. Den Weg hinein in das Viertel südlich der Hauptstadt des Libanon, das gerade vom Anschlag des IS erschüttert wurde.

In der Quantenphysik spricht man von verschränkten Zuständen, wenn Phänomene an verschiedenen Orte nicht isoliert von einander betrachtet werden können: In einem verschränkten Zustand gibt es nicht verschiedene miteinander agierende Teilsysteme, sondern ein großes Ganzes. So ein großes Ganzes ist für Francesco der Mittelmeerraum.

Ein Tag später, am fortgeschrittenen Abend. Dieses Mal sind italienische Reporter vor Ort, die live berichten. Frankreich ist ein Nachbarland, Journalisten aus Italien sind standardmäßig in Paris tätig. „ISIS wehrt sich verzweifelt gegen den eigenen Untergang – der Schwanzschlag des sterbenden Tieres!“, analysiert Francesco. Terroristen haben soeben in der französischen Hauptstadt an verschiedenen Orten in der Stadt Überfälle verübt. Dabei haben sie über 130 Menschen getötet, mehr als 350 verletzt.

Dieses Mal ist es ein Hardliner der CSU, der behauptet: „Paris ändert alles!“ Die Forderungen, die jetzt laut wieder laut werden, bestätigen Francescos Prognosen: Mehr Kontrolle, weniger Einwanderung. Wenn die EU sich mit dem türkischen Präsidenten Erdogan einig wird, Geld gezahlt und Grenzen auf der Balkanroute geschlossen werden, ist die Route über das Mittelmeer nach Lampedusa wieder eine Option für die Flüchtlinge.

Im verschränkten Zustand der Quantenphysik reagiert das „Große Ganze“ simultan, unabhängig von der Entfernung der einzelnen Teilchen zueinander. Misst man den Zustand eines bestimmten Teilchens, kann man dadurch auch Rückschlüsse auf damit verbundene Teilchen ziehen – und das über große Distanzen hinweg. Verschränkte Teilchen müssen nicht sichtbar miteinander verbunden sein, um sich gegenseitig zu beeinflussen. Genau so wie der Terror des IS und die Reaktionen darauf.

Assad in Russland. Der IS im Irak. Flüchtlinge in Passau. Terror in Paris. Notunterkünfte in Jordanien. Erdogan in der Türkei. Flugzeugabsturz über dem Sinai. Generäle in den USA. Anschläge in Beirut. Ein einziges verschränktes System? Ein globalisierter Planet mit einem globalisierten Terror? Und mittendrin das Mittelmeer. Und mitten im Mittelmeer Lampedusa.

Lampedusa-Libanon. Enter. Flüge werden gesucht und verglichen, einen Tag nach den Anschlägen von Paris. Vor einer Woche hat Francesco abends bei einer Flasche Bier Fotos auf seinem Handy gezeigt: Die Tempelanlage von Baalbek, Teil des Weltkulturerbes. Die Unesco schreibt auf ihrer Internetseite: „Ein herausragendes Beispiel eines römischen Heiligtums, eines der beeindruckendsten Zeugnisse der Römerzeit.“ Das Mittelmeer der Römerzeit war ein anderes als das heutige. Viele kleine Teilsysteme, Provinzen, die recht autonom wirtschafteten. Undenkbar, dass ein Provinzpolitiker noch am gleichen Abend auf die Geschehnisse in der Hauptstadt reagiert.

Auch das Auswärtige Amt hat zu Baalbek etwas zu sagen, unter den Reisewarnungen: „Dringend abgeraten wird von Reisen in die Bekaa-Ebene einschließlich der touristischen Stätten von Baalbek“, ist dort zu lesen. Das galt auch schon vor den Anschlägen von Beirut.
Alice, Francescos Arbeitskollegin, hat die Reisewarnungen verschiedener Regierungen und Hilfsorganisationen minutenlang studiert. „Alle raten ab“, schnaubt sie schließlich, ärgerlich vor Sorge. „Glaubst du etwa, ich wüsste nicht, dass es gefährlich ist in den Libanon zu reisen? Das weiß ich ganz genau!“, gibt der Sozialarbeiter zurück. Für ihn ist die Reise alternativlos; Um das Projekt des humanitären Korridors im Mittelmeer voranzutreiben, muss er vor Ort sein, sich ein Bild machen – egal was in Beirut oder Paris passiert.

Genau so wie die Ideen der Quantenphysik sind die Dynamiken der aktuellen politischen Lage nur schwer zu durchdringen. Wenn alles mit allem irgendwie verbunden ist, ergeben die Verbindungen ein dichtes Netz, das kaum zu entwirren ist. Ob sich wirklich alles ändert oder nicht: Wir brauchen Menschen wie Francesco, die fast schon betriebsblind, ohne Zeitverzug die Verbindungen zwischen Orten, die tausende Kilometer voneinander entfernt sind, herstellen; Menschen, die ruhelos zwischen diesen Orten reisen, um die Situation zu verstehen. Und nicht zuletzt Menschen, die nicht nur verstehen, sondern auch die richtigen Schlüsse ziehen und trotz all der harten Fakten die Menschlichkeit nicht aus dem Blick verlieren.

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