Flüchtling aus Versehen / Refugee by accident

Mitglieder von Mohameds Familie warten m Gebäude der Fischervereinigung von Lampedusa. © Christoph Koitka
Mitglieder von Mohameds Familie warten im Gebäude der Fischervereinigung von Lampedusa. © Christoph Koitka

(for English version, see below)

Um gegen Korruption bei der Vergabe von Fischereikonzessionen zu protestieren, fuhr der Tunesier Mohamed mit seiner Großfamilie aufs Mittelmeer hinaus, allerdings ein wenig zu weit: In internationalen Gewässern wurde die Gruppe von italienischen Polizeieinheiten aufgegriffen. Die Geschichte eines Mannes, der nicht als Flüchtling oder als Tourist nach Lampedusa kam – sondern aus Versehen.

Es muss ein seltsames Bild gewesen sein, dass sich den Einheiten der Guardia di Finanza bot: Eine 19-köpfige Großfamilie auf zwei winzigen Fischerbooten, darunter eine alte Frau im Rollstuhl. „Wir haben 60 Tage vergeblich bei der lokalen Verwaltung protestiert“, erzählt Mohamed. Der 41-jährige Fischer kommt aus dem kleinen Küstenort Chebba in Tunesien. „Dann haben wir die Familie auf die Boote gepackt und gesagt: ‚Wir fahren jetzt aufs Meer und bleiben dort, bis wir sterben, wenn ihr keine Lösung findet!’“ 19 Personen quetschten sich auf die Kähne: Sechs Männer, acht Frauen, fünf Kinder. Nur einige wenige Frauen blieben an Land zurück, um in Chebba die Häuser der Großfamilie zu hüten.

Die Schiffe liefen aus, die Küste wurde in der Ferne kleiner – und plötzlich war da das Boot der Guardia di Finanza. Die Militärpolizisten griffen die Fischerboote auf und eskortierten sie in den Hafen von Lampedusa, knapp 139 Kilometer von Chebba entfernt. Wollten die tunesischen Fischer hier besondere Aufmerksamkeit erregen, im berüchtigten Lampedusa, wo mediale Aufmerksamkeit winkt? „Nein“, winkt Mohamed ab. „Wir wollten eigentlich immer nur die Aufmerksamkeit der Behörden in Tunesien.“ Die tunesische Verwaltung verhindert bisher, dass Mohamed und seine Verwandten den gewohnten Beruf ausüben können: „Unser Leben ist gefährdet, wie sollen wir Geld verdienen?“, klagt der Tunesier.

Er und seine Familie fangen ihre Fische mit dem alten System der Charfia („Haus des Todes“): Bei dieser traditionellen Art der Küstenfischerei werden die Fische in Reusen aus Palmblättern geleitet, wo ihnen der Rückweg versperrt wird. Eine Legende besagt, dass eine Prinzessin auf den tunesischen Kerkenna-Inseln Mitleid mit der armen Bevölkerung hatte und den ansässigen Fürsten bat, das Meer gerecht aufzuteilen; Noch heute ist das küstennahe tunesische Mittelmeer an den Fangorten parzelliert.
Das Haus des Todes hat viele Besucher: Dorade, Tintenfisch, Wolfsbarsch – „eigentlich alles, was uns ins Netz schwimmt“, erklärt einer von Mohameds Verwandten.
Der traditionelle Fischfang ist, obwohl mit Gütesiegel ausgezeichnet, nicht mehr sehr verbreitet: Neben moderneren Fischereimethoden und dem Rückgang des Bestandes sind auch lokale Kartelle eine Gefahr für die traditionelle Charfia-Methode. Mohamed weiß, dass auch im Fall seiner Familie eine mächtige Interessengruppe ihre Finger im Spiel hat – andere Fischer, die sich seit mittlerweile fünf Jahren durch Bestechungen die ertragreichsten Fischgründe sichern. „Das ist eine Gruppe von ungefähr 30 Leuten, die sieben der Reviere kontrolliert“, erklärt er. „Sie erzählen in der Gegend herum, dass sie 15.000 Dinar (Anm.: umgerechnet knapp 7000 Euro) an korrupte Beamte gezahlt haben, um uns aus dem Geschäft zu drängen!“, so der aufgebrachte Fischer. Außerdem zahlten die Familien Schmiergelder an die übrigen, ärmeren Fischer, damit es nicht mehrere Bieter auf die besseren Strandabschnitte gibt – das würde den jährlichen Preis in die Höhe treiben.

Der Fischerstrand von Chebba ist in 16 Parzellen aufgeteilt, die jeweils etwa 100 Meter breit sind. Jedes Jahr im August laufen die Pachtverträge aus, und die Parzellen werden aufs Neue an den Meistbietenden versteigert. Vorher müssen sich alle Interessenten auf einer Liste eintragen – nur wer auf der Liste steht, darf mitbieten. Auch Mohamed und seine drei Brüder haben mit ihrer Großfamilie Jahr für Jahr auf ein Stück Meer geboten – bisher ohne Probleme. „Seitdem ich 17 bin, arbeite ich als Fischer, schon immer!“ Die Konzession wurde auf einen seiner Neffen ausgestellt, Salah. Als dieser vor 5 Monaten überraschend an einem Herzinfarkt verstarb, trug sich seine Ehefrau auf der Liste ein. Damit beginnen die Probleme.

Die Witwe wird zunächst eingetragen, dann aber wird die Versteigerung kurzfristig abgesagt und eine neue angekündigt. Auf der neuen Liste taucht kein Familienmitglied von Mohamed auf. Die offizielle Begründung: Salahs Witwe habe zu wenig Erfahrung in der Fischerei. Der Bruder des Verstorbenen räumt ein: „Frauen bleiben bei uns in Tunesien eigentlich immer zuhause.“ Obwohl das tunesische Gleichstellungsgesetz als Vorbild für die arabische Welt gilt, wird es in der Realität wenig umgesetzt.
Mohamed und seine Familie haben aber ihrer Ansicht nach durch ihre Tradition über Generationen ein Recht auf eine eigene Parzelle. Diese Einschätzung teilten auch lokale Behörden und Menschenrechtsgruppen, berichtet er. „Wir anderen haben ja die Erfahrung!“ Doch Gleichstellung und Gewohnheitsrechte reichen nicht aus, um die Korruption zu durchdringen.

In Lampedusa ist man zunächst ratlos, wie man mit den Neuankömmlingen umgehen soll: Schließlich handelt es sich nicht um Wirtschaftsflüchtlinge oder Touristen, und niemand will einen Asylantrag stellen. Die Kommune quartiert Mohameds Familie nach einer teuren Nacht im Hotel schließlich ausgerechnet im heruntergekommenen Gebäude der örtlichen Fischervereinigung ein.

Zuhause kümmert sich mittlerweile eine weitaus mächtigere Vereinigung um die gestrandeten Fischer: Die große tunesische Gewerkschaft UGTT (Union Générale Tunisienne du Travail) kündigt für den nächsten Tag eine Kundgebung an. Der Dachverband ist eines der vier Mitglieder der tunesischen Dialoggruppe, die in diesem Jahr den Friedensnobelpreis erhalten hat. Der lokale Sekretär in Chebba ist mit Mohamed und seiner Familie ständig per Handy in Kontakt. Spontan solidarisieren sich die anderen Fischer in Chebba. Sie wollen parallel den Hafen auf dem Landweg blockieren und haben einen Streik angekündigt.

Die Fischerfamilie will nun zunächst abwarten, ob ihnen der Streik die gewünschte Aufmerksamkeit bringt. „Wir möchten, dass die tunesische Regierung eine Lösung anbietet“, sagen sie. „Auf jeden Fall wollen wir nächstes Jahr wieder auf der Konzessionsliste stehen.“ Wenn die Wartezeit zu lang wird, werden sich Mohamed und die seinen wahrscheinlich als Hochseefischer und maritime Hilfsarbeiter verdingen: „Etwas anderes als die Arbeit mit dem Meer haben wir nie gelernt!“

 

Refugee by accident

To protest against administrative corruption regarding the issuing of fishing-licenses, Tunisian fisherman Mohamed and his extended family set sail to the Mediterranean Sea, but accidently they went just a bit too far: In international waters, the group was seized by Italian police units. The story of a man, who did not come to Lampedusa as refugee or tourist, but by accident.

It must have been a strange sight for the Guardia di Finanza: 19 men, women and children on two tiny fishing boats, among them an old lady in a wheelchair. „We protested at the local administration for 60 days, without any result“, Mohamed explains. The 41 year old fisherman is from the small coastal town named Chebba, in Tunisia. „Then we packed almost the entire family on the boats and said: ‚We’re going offshore and will stay there until we die, unless you find a solution!“’ 19 people shoved themselves into the barges: Six men, eight women, five children. Only a few women remained ashore to guard the familiy’s houses.

The boats drove off, the coastal line became thinner at the horizon – and all of a sudden appeared the Guardia di Finanza ship. The military policemen seized the boats and escorted them into the harbour of Lampedusa, roughly 140 kilometers away from Chebba. Did the Tunesians go here on purpose, to ring the well known Lampdusa-bell, that has been well known to attract the global media? „No“, says Mohamed, waving aside such assumptions. All we ever wanted was the attention of the authorities in Tunisia.“

The tunisian administration impedes Mohamed and his relatives from working in their usual job at the moment: „Our lives are at risk, how are we supposed to earn money?“, the Tunisian complains. He and his family are used to fishing their catch with the ancient Charfia (House of Death) method. This traditional method works with fish traps made from palm leaves. A legend from the Tunisian Kerkenna islands states that a princess felt sympathy for the poor local fishermen and convinced the reigning noble to divide the sea fairly among them. Until today, the coast of Tunisia is parceled in the ancient way on certain locations.

The „House of Death“ has many visitors: „Gilthead, squid, sea bass… Basically just anything that swims into our net“, explains one of Mohamed’s relatives. The traditional fishing method is, although highly praised, not very common any more: With more modern methods and the decrease of the fish population, local cartells are a thread for the Charfia. Mohamed knows that his case is compromised by other fishermen families who have been saving the best fishing spots for themselves by bribing locals for five years now. „We are speaking about a group of about 30 people, which controls seven of the fishing grounds“, he explains. „They brag everywhere stating to having kicked us out of the business by giving 15.000 Dinar (annotation: about 7000 Euros) to corrupt officials“, the agitated fisherman elaborates. He also claims that the cartell bribes the other local fishermen to stay away from the auctioning off of the parcels, because that would only raise the price for them.

The fishing area of Chebba is divided into 16 parcels, each about 100 meters wide. Each year in August, the contracts expire, and the parcels are sold to the highest bidder again. Before the auction, all participants must enroll madatorily to an official list. Year after year, Mohamed, his three brothers and their families bid for a slice of the sea – until now without issue. „I have been working as a fisherman since I turned 17, forever!“, says Mohamed. The licence was issued for one of his nephews, Salah. When he unexpectedly died from a heart attack five months ago and his wife enrolled in his place, the problems started to turn up.

The widow is at fist put on the list, but the the auction is cancelled on short notice and a new one is announced. On the next list, no family member of Mohamed is present. The official statement: Salahs widow has too little experience in the fishing business. The brother Mohameds late nephew agrees: „Women stay at home traditionally in Tunisia.“ Although Tunisian equality rights rank first in the Arab world, in reality they are often applied only little.

Mohamed and his family still think they have a right to a Charfia spot by tradition. He quotes local administration and human rights groups stating the same. „After all, we others do have the necessary experience!“ In Lampdusa, authorities have no clue of how to treat the newcomers in the beginng: They are neither tourists nor economic refugees, and no one is asking for political asylum. The community provides improvised housing in the washed up buiding of the local fishermen association, of all things.

At home, a much more potent organisation is caring for the stranded fishermen: The big Tunisian union UGTT (Union Générale Tunisienne du Travail) announces a manifestation for the next day. The umbrella organisation is one of the four laureates of this years Nobel Prize for Peace. Their local secretary at Chebba is in constant contact with Mohamed and his family. Other fishermen in Chebba solidarise spontaneously, planning to blockade the harbour on the land way and announcing a strike.

The fishermen want to wait on whether the strike brings the desired attention. „We want the Tunisian government to offer us a solution“, they say. „In any case we want to be on the list next year!“ If waiting time should get too long, they want to use their workforce to fish offshore and help other fishermen. „We are used to work with the sea. We never learned anything else.“

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