Das Lampedusa-Mem

Der Hafen des "echten" Lampedusa. ©Christoph Koitka
Der Hafen des „echten“ Lampedusa.
©Christoph Koitka

Hallo, ich bin Christoph Koitka, Student und Journalist. Ich bin jetzt seit zwei Tagen auf Lampedusa. Als Nachfolger von Simon im Projekt Mediterranean Hope führe ich den von ihm begonnenen Blog weiter. In meinem ersten Beitrag beschäftige ich mich mit „den anderen Lampedusas“, die seit einiger Zeit vermehrt im Diskurs auftauchen.

Die vielen Links, die ich eingebaut habe, sind als Anregung zu verstehen, als Denkanstoß und eine Fundgrube als Ausgangspunkt für eigene Recherchen. Manche illustrieren, andere belegen, weitere führen zu Reportagen oder tiefergehenden Informationen. Zusammengenommen zeigen die Verweise vor allem, wie umfassend und vor allem wie langlebig das Problem, das wir reflexhaft mit „Lampedusa“ assoziieren, geworden ist.

Lampedusa ist eine Insel im Mittelmeer, gelegen zwischen Sizilien und Tunesien. In den vergangenen Jahren waren es vor allem die großen Tragödien, die für mediale Aufmerksamkeit sorgten: Die KZ-Vergleiche beschwörenden, prekären Zustände im Aufnahmezentrum 2011 mit nachfolgender „Migrantenrevolte“, das Bootsunglück 2013, das Unglück im April diesen Jahres, das zum aktuellen Flüchtlingsgipfel von Malta führte.

Seitdem ist „Lampedusa“ im öffentlichen Bewusstsein mehr als ein 20 Quadratkilometer kleiner, bewohnter Felsbrocken kurz vor Afrika. Der Name der Insel ist zu einem Synonym für „sichtbar prekäre Zustände in der Flüchtlingskrise“ geworden. Ständig werden „neue Lampedusas“ benannt, an denen sich die Flüchtlingsdramatik kristallisiert – ein Überblick (eine Übersicht über die verschiedenen Flucht-Routen nach Europa hat tagesschau.de hier zusammengestellt; sehr hilfreich um den entsprechenden Raum zu visualisieren).

Calais, das „andere Lampedusa“ Europas

Schon 2010 titelt die Neue Zürcher Zeitung: Frankreich will kein zweites Lampedusa auf Korsika!
Das gibt es auch bis heute nicht, Korsika ist aus den Schlagzeilen schnell wieder verschwunden. Doch zu diesem Zeitpunkt gab – und gibt es bis heute – in Frankreich längst ein eigenes „Lampedusa“: In Calais versuchen Flüchtlinge, am Eurotunnel weiter nach Großbritannien zu reisen. Die wilden Camps im „Dschungel von Calais“ haben traurige Berühmtheit erlangt.

Ceuta und Melilla

Die spanischen Exklaven in Marokko, mit den bekannten großen Zäunen. Ihr zugeschriebener Titel „spanische Lampedusas“ (Artikel auf Italienisch) ist etwas irreführend, die Gebiete gehören aber trotz marokkanischen Ansprüchen und geografischer Lage in Afrika fest zu Spanien. Die Situation vor Ort ist weiterhin prekär, Pro Asyl benannte kürzlich die Exklaven als Negativbeispiele für Transitzonen.

Die italienische kommunistische Tageszeitung „Il Manifesto“ titelt im März letzten Jahres: „Ceuta und Melilla – die anderen Lampedusas von Europa“, auch an anderer Stelle wird der Vergleich gezogen – denn in Marokko zeigt sich exemplarisch das Problem einer dynamischen Bewegung, die auf ein statisches Gebilde trifft. Die Stacheldrahtzäune, direkt an der einzigen Landgrenze zwischen Afrika und Europa tun uns den Gefallen, Ausgrenzung und Abschottung symbolhaft zu illustrieren.

„Balkanroute“

 Grenzzäune zur Abschottung werden nicht nur in Nordafrika, sondern auch weiterhin mitten in Europa geplant und errichtet. Die Lage auf der so genannten Balkanroute über Land ist oft unübersichtlich, zwischen politischem Säbelrasseln und tatsächlichen Abwehraktionen schwer zu unterscheiden.Vor allem die (rechts-) widrigen Zustände, unter denen die Flüchtlinge ausharren, stehen in der Kritik und erinnern etwa in Slowenien an das Lampedusa, das vor wenigen Jahren die Berichterstattung dominierte.

Passau, das „deutsche Lampedusa“

Natürlich braucht auch Deutschland ein eigenes Lampedusa, Ordnung muss sein. Rund um Passau treiben Schleuserbanden am Ende der Balkanroute ihr Unwesen. Mittlerweile haben sich durch verschärfte Kontrollen die Aktivitäten von der Autobahn auf die grüne Grenze verlagert. „Lampedusa in Hamburg“ nennt sich eine solidarische Bewegung, die seit längerem Flüchtlinge in der Hansestadt unterstützt – eine andauernde Problematik. Stacheldraht und Seenot sucht man hier aber immehrin vergebens.

„Arktisches Lampedusa“

Ein weiteres Flüchtlingsdrama liegt sogar noch nördlicher als Hamburg: Auf der so genannten „Eisroute“ sind es hauptsächlich afghanische Flüchtlinge, die versuchen, über Russland in Norwegen einzureisen. Kurios: Weil das russische Gesetz eine Einreise zu Fuß verbietet, ist der Fahrrad-Handel schwunghaft angestiegen. Und natürlich greift auch hier der übliche Reflex, und es wird das Schreckensszenario eines „arktischen Lampedusas“ ausgemalt.

Naher Osten

Es ist kein Zufall, dass sich der Lampedusa-Vergleich so massenhaft aufdrängt – schließlich ist das Problem überall dasselbe. Trotzdem wird hauptsächlich innerhalb Europas mit Lampedusa verglichen. Auch in der Türkei, in Jordanien und im Libanon herrschen in Flüchtlingslagern, Containerstädten und anderen provisorischen Unterkünften Zustände, die kaum auszuhalten sind. Der ganze Libanon hat mittlerweile den Anschein eines großen Flüchtlingslagers, über eine Million Menschen suchen hier nach Zuflucht – etwa ein Fünftel der jetzigen Gesamtbevölkerung.
Doch die Levante ist weit weg. Näher ist zum Beispiel der Keleti-Bahnhof in der ungarischen Hauptstadt Budapest – ein weiteres Lampedusa mitten in Europa.

Lampedusa selbst wird derzeit von der Europäischen Asylagentur EASO als einziger „voll funktionsfähiger Hotspot“ klassifiziert. Organisation und Effizienz sollen das Problem bekämpfen, Strukturen schaffen, die Not verwalten. Die Zeiten des unkontrollierten Elends sind anscheinend vorerst vorbei – zumindest hier. Denn eines der vielen „anderen“ Lampedusas hat tatsächlich am ehesten die Rolle als Kristallisationspunkt des chaotischen Elends in Europa eingenommen: Die aktuellen Horrormeldungen kommen aus der Ägäis. Wieder ist es eine Urlaubsinsel, nur dieses Mal achtzigmal größer: Lesbos ist der für Öffentlichkeit und Medien „voll funktionsfähige Hotspot“.

Das Mittelmeer bleibt ein Massengrab, die Fluchtursachen bestehen weiterhin, nur der Fokus verschiebt sich, die Ränder werden unscharf. Das alte, hässliche Lampedusa ist plötzlich nicht mehr nur ein Felsbrocken im Mittelmeer, sondern taucht an verschiedenen Stellen in Europa auf. Das Problem ist überall, doch an den neuen Lampedusas können wir es deutlich sehen.

 

 

 

 

 

 

 

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