Ein harter Regen wird fallen

Meine Zeit auf Lampedusa ging schneller vorbei als erwartet. Morgen um 7.00 Uhr werde ich zurück nach Deutschland fliegen. Sieben Wochen Lampedusa liegen hinter mir. Zeit für ein Fazit.

Bunte Häuser

Auf diesem Blog habe ich sieben Wochen lang über meine persönlichen Eindrücke hier auf Lampedusa geschrieben. Viele kleine Geschichten – was schreibe ich in einem letzten Artikel? Mit Bob Dylan möchte ich einen meisterhaften Geschichtenerzähler zitieren. In seinem Stück „A Hard Rain’s A-Gonna Fall“ sang er vor über 50 Jahren:

„Ich sah eine weiße, von Wasser bedeckte Leiter. Ich traf ein kleines Mädchen, das mir einen Regenbogen schenkte. Ich hörte den Klang des Donners, der wie eine Warnung klang. Ich sah zehntausend Redner mit gebrochenen Zungen. Ich hörte tausende flüstern und niemanden zuhören. Ich hörte eine Person verhungern, während viele Menschen lachten. Ein harter, harter Regen wird fallen“.

Bob Dylan wählte sehr poetische Worte, doch beschreibt er meine momentane Grundstimmung sehr gut. Denn ich habe hier Menschen gesehen, die vor Glück geweint haben, als wir ihnen Schuhe geschenkt haben. Ich habe Menschen gesehen, die vor Schmerzen geschrien haben. Ich habe junge Männer gesehen, die nach ihrer Ankunft Luftsprünge gemacht haben und Frauen, die leblos an mir vorbei getragen wurden. Ich habe Neuankömmlinge gesehen, die gesungen haben und andere, die Blut gespuckt haben. Ich habe einen katholischen Priester, einen Iman und einen buddhistischen Mönch gemeinsam beten sehen. Ich habe Menschen gesehen, die nachts in einer Pfütze im Hafen niedergekniet haben um zu beten. Ich habe Grenzschützer gesehen, die weggesehen haben. Ich habe Touristen am Strand in der Sonne liegen sehen, während 250 Menschen in durchnässten Socken wenige Meter entfernt von ihnen Europa betraten. Ich habe viele kreative und mutige Menschen kennengelernt, die sich für die Gerechtigkeit einsetzen. Ich habe mitbekommen, wie das Aufnahmezentrum zum ersten Hotspot Europas umgebaut wurde. Ich habe gehört, wie beiläufig Sätze gesprochen wurden, die sich auf das Schicksal von vielen tausend Menschen auswirken. Und eines ist gewiss: Es wird ein harter, harter Regen fallen.

September bis November: Was bisher geschah

Als ich Deutschland Mitte September verließ, machte sich gerade das Credo der Kanzlerin breit: Wir schaffen das. Es folgte ein sinngemäßes Wir schaffen das nicht des CSU-Vorsitzenden Horst Seehofer und die Frage im Bundestag: Schaffen wir das?
Dass das geschafft werden muss ist offensichtlich. Denn das, das bedeutet: Jeden Tag sterben mehr Menschen im Mittelmeer, die griechische Insel Lesbos versinkt im Chaos, Flüchtlinge warten europaweit tagelang im Regen, an der türkisch-bulgarischen Grenze wurde ein Mann von dem Schuss eines Grenzschützers getötet, in Dresden wird Volksverhetzung mit Meinungsfreiheit verwechselt und der nahende Winter fordert, dass Flüchtlingsfamilien schnell die Zelte verlassen und eine wetterfeste Bleibe zur Verfügung gestellt bekommen. Wir müssen das schaffen. Denn: Ein harter, harter Regen wird fallen.

Grenzschützer – dein Freund und Helfer?

Um die humanitäre Katastrophe zu bewältigen, arbeitet die Europäische Union mit der Grenzschutzagentur FRONTEX zusammen. Im Rahmen des Gipfeltreffens bezüglich der Flüchtlingsströme auf der Westbalkanroute vergangene Woche wurde ein 17-Punkte-Plan vereinbart, der unter anderem eine verstärkte Zusammenarbeit mit FRONTEX vorsieht. Der Einfluss von FRONTEX soll also wachsen.
Seit 2009 hat die Agentur allein für Forschungsprojekte mehr als 1,3 Milliarden Euro erhalten. Einem Bericht aus Griechenland zufolge bleiben die Beamten häufig untätig, wenn freiwillige Helfer zu Hilfe eilen. „Die Beamten handeln nach einem ganz bestimmten Einsatzplan. Und der wird vor Ort von den griechischen Behörden festgelegt“, so Sprecherin Ewa Moncure. Dieser Plan sieht das aktive Helfen also offenbar nicht zwingend vor – dabei ist auf Lesbos, wo zurzeit eine Situation stattfindet, die sich mit der auf Lampedusa vor einigen Monaten vergleichen lässt, Hilfe dringend notwendig; es sind immer noch nicht genügend Helfer.

Weder der Einsatz von FRONTEX noch der Einschnitt in die Rechte der Schutzsuchenden, wie von CDU und CSU geplant, werden Menschenleben retten, Menschenrechte achten, zu einem Leben in Würde und zu Integration führen. Um eine solche Zukunft zu erreichen, braucht es Mut, Kreativität, Durchhaltevermögen und Gegenentwürfe. Gegenentwürfe wie das Modell der humanitären Korridore. Mediterranean Hope hat sich dafür eingesetzt, dass in den kommenden Monaten 2000 Flüchtlinge aus dem Libanon und aus Marokko auf sicheren Fluchtwegen nach Europa kommen können und versorgt werden. Es ist ein relativ neues Projekt – und vielversprechend. Nun gilt es, das Projekt auszuweiten, weitere Kirchen und NGOs damit zu inspirieren und das Modell gegen Kritik zu verteidigen. Es wird ein harter Regen fallen – doch der Nährboden wird um so saftiger werden.

Mut, Kreativität, Durchhaltevermögen und Gegenentwürfe

Lampedusa ist ein erstaunlicher Ort Europas. Die Lampedusianer, die sich hier zum Forum Lampedusa Solidale zusammengeschlossen haben oder bei Askavusa politische Aufklärung leisten, zeigen Schwachstellen, reden darüber, beraten, kooperieren mit anderen Gruppen, mit Wissenschaftlern, Kirchen, Künstlern und Aktivisten.
Die Insel ist ein Ort des Mutes, der Kreativität, des Durchhaltevermögens und der Gegenentwürfe. Ein Ort, von dem der Rest Europas viel lernen kann.

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