Gerüche, Gewürze und Geschichten

Jede Woche veröffentlicht Mediterranean Hope einen italienischsprachigen Blogbeitrag. In diesem Blog werde ich Texte meiner Kollegen Marta Bernardini und Francesco Piobbichi ins Deutsche übersetzen. Dieser Text entstand in Zusammenarbeit mit Alice Fagotti und Alberto Mallardo.

Zwölf Gäste, sechs Nationen: Mediterranean Hope tischt auf
Zwölf Gäste, sechs Nationen: Mediterranean Hope tischt auf

Der Standort von Mediterranean Hope auf Lampedusa ist ein Ort des Kommens und Gehens. Die Klingel scheint nie still zu stehen. Besucher, Wissenschaftler unterschiedlicher Forschungsgebiete, Freunde und Bekannte kommen vorbei – um nach Rat zu fragen, oder einfach, damit ihnen jemand zuhört. Dann kommen – weniger poetisch – natürlich auch die Männer, die das Dach reparieren, doch auch ihre Geschichten sollten nicht vergessen werden.

Heute klingelt es an der Tür noch häufiger als sonst. Viele Stimmen in unterschiedlichen Akzenten lassen sich vernehmen, aber auch ein Duft, der sich durch alle Räume der Wohnung zieht. In der Küche werden Töpfe abgestellt und mit schneller Hand Zwiebeln geschnitten. Einige schneiden Fleisch schneiden, richten Salat an und erzählen Geschichten. Bei Mediterranean Hope gibt es heute Abend Zighinì und Tajine. Diese Gerichte sind typisch für Eritrea und Marokko, doch diejenigen, die hier kochen und den Tisch decken, vertreten noch sehr viel mehr Nationalitäten. Es ist eine einfache Freude, inmitten tausender Gerüche von Gewürzen gemeinsam Essen zu teilen. Hier findet jeder ein Stück Heimat, ob er von nah oder fern kommt. Und vor dem Nachtisch – in diesem Fall typisch sizilianisch – singen einige am Tisch Lieder aus ihrer Heimat.

Mamadous Reise

Es ist ein wertvoller Abend, an dem wir versuchen, die Anstrengungen dieser Insel für einen Moment hinter uns zu lassen. Denn an Lampedusa kommt die ganze Welt vorbei – hier verweben sich Geschichten. Geschichten der Rettung und der Hoffnung mit denen der Niederlagen und der schmerzhaften Erinnerungen. Unter den vielen Geschichten, die wir hier in den vergangenen Monaten gehört haben, werden uns einige in Erinnerung bleiben. Wie beispielsweise die von Mamadou *, der nach Italien kam, um eine Zukunft für sich und die Kinder zu finden, die er haben möchte; um sein Leben zu ändern. Er verließ sein Land, nachdem er dort 28 Jahre lang gearbeitet hat: In der Stadt als Maurer, auf See als Fischer und dann als Mechaniker-Assistent und als Landwirt. Die Arbeitsbedingungen waren oft extrem, erniedrigend und unhygienisch. Er musste – ohne die erforderlichen Vorkehrungen  – das Land düngen, mit einem giftigen Mittel und ohne Handschuhe, Maske und Schutzbrille. Das war vollkommen üblich und die Auswirkungen auf seine Gesundheit konnte er von Beginn an sehen. Also begann Mamadou von Europa zu träumen: „Das ist ein Ort, an dem Menschenrechte geachtet werden, wo man für seine Arbeit bezahlt wird und eine Rente erhält, wenn man ein hohes Alter erreicht hat“.
Nachdem er lange von einer besseren Zukunft träumte, beschloss er letztlich, nicht mehr länger zu warten, sondern dafür zu kämpfen, dass sein Traum in Erfüllung geht. Seine Reise steckte allerdings noch in den Kinderschuhen. Viele Schwierigkeiten hat Mamadou schon überstanden, die vielen anderen noch bevor stehen.

Europa: der ideale Ort

Keine Geschichte gleicht einer anderen und nicht jeder hat eine schwierige Vergangenheit hinter sich. Ousmane, ein anderer junger Mann, mit dem wir reden durften, erzählt uns von den Chancen, die er im Leben bereits hatte. Sein Vater hat in der Armee gearbeitet, sodass er die Möglichkeit hatte, die Universität zu besuchen und Betriebswirtschaft zu studieren. Nachdem er einige Zeit in einem Restaurant gearbeitet hatte, beschloss er, sein eigenes Geschäft zu eröffnen. Ousmane bat um ein Darlehen im Rahmen eines Programms der Europäischen Union, das finanzielle Unterstützung für Lokale anbietet. Er setzte sich gegen die Konkurrenz von 63 anderen Bewerbern durch und erhielt das Geld, das er beantragt hatte, um sein Geschäft zu finanzieren.
Tatsächlich schien es, als könnte er seinen Traum verwirklichen. Doch nach einer kurzen Zeit, in der alles gut ging, kamen Inspektoren der marokkanischen Regierung und befahlen ihm ohne große Erklärungen, er müsse seinen Laden schließen. Somit war ihm nichts geblieben.
Während unseres Treffens sagt Ousmane: „Ich werde nie wieder in meinem Land zurückkehren. Hätte ich die gleiche Idee in Europa gehabt, wäre ich unterstützt worden und meine Arbeit würde Früchte tragen. In meinem Land ist eine Arbeit mit festen Zeiten nicht möglich. Und ich wusste nicht, was ich ohne Arbeit machen soll. Etwa betteln?“. Also beschloss er, nach Europa zu kommen, im Glaube, „der alte Kontinent“ sei „der ideale Ort, um Arbeit zu finden, um Kinder zu haben und um ein Zuhause zu haben. Wo Gesetze eingehalten werden.“ Als er hier auf Lampedusa ankam, kamen ihm allerdings einige Gedanken: „Wenn das Aufnahmezentrum die Gastfreundschaft Europas wiederspiegelt – was für eine Zukunft wäre das? Die Menschen hier haben dem Tod ins Gesicht gesehen und ihr Leben riskiert – um in einem Zentrum untergebracht zu werden, in dem es weder Decken noch saubere Duschen gibt?“.

Die nächsten Schritte

Während wir Geschichten von Menschen hören, die zur Flucht gezwungen wurden, treffen sich die Vertreter der EU erneut, um über die Schicksale und die Zukunft dieser Menschen zu verhandeln. Nach den Ergebnissen des Europäischen Rates am 15. Oktober beschloss die Europäische Union, sich am Gipfeltreffen zu Migrationsfragen am 11. und 12. November in Malta zu beteiligen. Dieser Gipfel wurde am 23. April während einer Sondersitzung des Europäischen Rates beschlossen. Es werden die Staats- und Regierungschefs vieler afrikanischer Länder erwartet, aber auch die Oberhäupter der europäischen Länder, die am stärksten von den Migrationsströmen betroffen sind. Insbesondere der Länder, die bereits in den Prozessen von Rabat und Khartum involviert sind. Es stehen viele Themen auf der Tagesordnung des Gipfels, einschließlich einer engeren Zusammenarbeit bezüglich der Abschiebungen. Nicht weit von Malta entfernt fragen wir uns hier auf Lampedusa, welchen Umfang die nächsten Schritte haben werden, die Europa gehen wird – und inwieweit wir hier in diese Pläne einbezogen werden.

* Die Namen, die in diesem Artikel genannt werden, sind fiktiv.

Ein Gedanke zu „Gerüche, Gewürze und Geschichten“

  1. Lieber Simon,
    seitdem Claudia mich auf Deinen Blog aufmerksam gemacht hat, lese ich Deine Beiträge öfter.
    Je öfter ich sie lese desto bewusster wird mir, wie gut es mir hier geht.
    Ich bewundere die Kraft und Energie von Dir, über die Schicksale der Flüchtlinge so unermüdlich zu berichten.
    Viel mehr Menschen müssten noch viel mehr darüber berichten!
    Die Politiker reden – aber ihr macht wenigsten Etwas!!!!
    Ich möchte Dir ganz viel Kraft und Mut schicken!
    Mach weiter so!!!!

    Es grüßt herzlich Anke

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