Das ehemalige Lesbos

Karl Knopp, Europareferent von Pro Asyl, nannte die griechische Insel Lesbos anlässlich des dort herrschenden Chaos am Freitag in einem Interview das „neue Lampedusa“ – und tatsächlich: Die große humanitäre Katastrophe findet momentan in Griechenland statt.

Der öffentlich zugängliche Teil des Hafens

Es ist lange her, dass Flüchtlinge in Schlauchbooten und klapprigen Fischerbooten direkt bis nach Lampedusa fuhren. Ankünfte dieser Art kenne ich nur aus Erzählungen: Paula, eine Freundin des Mediterranean Hope-Teams, erzählte einmal, wenn Boote ankamen habe ein Freund von ihr früher im Hafen oft kleine Buffets errichtet. Mit Pasta, Kaffee und Bier. Sie hätten lange zusammengesessen und sich ausgetauscht – ohne Militär, aber dafür gemeinsam mit vielen Inselbewohnern, die den Empfang feierten.
Das war vor dem 3. Oktober 2013, bevor hier an manchen Tagen tausende Menschen ankamen, vor FRONTEX, vor der Neustrukturierung und der daraus resultierenden Militarisierung.

Die Ankünfte im Hafen lassen sich als strukturiert beschreiben – auch wenn die Struktur nicht immer ersichtlich ist. Mitglieder der Schiffsbesatzung nesteln eine halbe Stunde lang an einer Befestigung der Lauframpe, während Vertreter der Küstenwache, der Hilfsorganisationen und der Polizei im Hafen verteilt stehen und sich unterhalten. Heute mischen sich auch Schaulustige unter die Helfer. Das bemerken die Polizisten erst in dem Moment, als die ersten Flüchtlinge den Hafen betreten und versuchen hektisch, Ordnung zu schaffen. Einen geeigneten Ort, an dem wir uns platzieren können, gibt es heute nicht – aber irgendwie fügt sich alles. Die Neuankömmlinge sitzen in kleinen Gruppen überall verteilt und sind größtenteils ziemlich entspannt.
Es ist mal wieder Zeit für Smalltalk.

Ausgelassene Stimmung im Hafen

Gemeinsam mit Luisa, einer deutschen Studentin, die hier in der Rettungsstation für Meereschildkröten arbeitet und uns heute unterstützt, erkundige ich mich nach dem Zustand und den Zukunftsplänen der Flüchtlinge. Wir fragen eine kleine Gruppe, ob sie darüber informiert ist, wo sie sich befindet. Die Männer schütteln die Köpfe.
„Ihr seid in Italien, auf Lampedusa“, sagt Luisa.
„Ah – Lampedusa, cool. Kenn ich nicht. Wie ist das hier so?“, fragt einer von ihnen.
„Sehr schön! Gegenüber seht ihr den neuen Hafen, dazwischen liegt die Fußgängerzone, die Via Roma – und das war’s dann eigentlich auch schon. 4000 Menschen wohnen hier“, sage ich und zeige auf einzelne Gebäude und Straßen, die sich im Dunkeln erkennen lassen.
„Und was ist das hier für ein Gebäude?“, fragt Christian aus Eritrea. „Das sieht so wichtig aus“. Er zeigt auf einen weitläufigen Bungalow, der dem Schiff direkt gegenüber liegt. Es ist das einzige Gebäude direkt hier im Hafen.
„Das ist die Auffangstation für Schildkröten“, erzählt Luisa strahlend.
Die Männer schauen sich fragend an. „Was für Tiere?“, fragt einer von ihnen.
Luisa zeigt ihnen ihr Armband, an dem einige Holzperlen in Schildkrötenform aufgefädelt sind.
„Aah – Totzis!“, ruft einer von ihnen. „Ja, da kann man klasse Suppe draus machen“.
Es folgt ein langes Gespräch über Nationalgerichte, die Anatomie von Schildkröten, Fußball und die italienische Mentalität.
Die Stimmung ist ausgelassen. Nach etwa zwanzig Minuten steigt die Gruppe brüllend vor Lachen in den Bus ein. Ein Anblick, den ich hier bisher auch noch nicht erlebt habe.

Intransparenz, Chaos und Krankheiten

Das Durcheinander im Hafen legt sich so schnell wie es kam. Alle Neuankömmlinge werden zum Aufnahmezentrum gebracht. Darin wird es mittlerweile wieder eng: Mit den Flüchtlingen des vorherigen Abends sind es 430 Personen auf einem Raum, der für 250 ausgelegt ist. Ob sie vielleicht bereits im Laufe des Tages das Zentrum verlassen haben? Wir wissen es nicht. Intransparente Information, chaotische Organisation und Krankheiten sind die drei Hauptprobleme, die unsere Arbeit hier auf Lampedusa erschweren.
Unseren Informationen zufolge haben alle Flüchtlinge, die mit Booten innerhalb des letzten Monats nach Lampedusa gekommen sind, die Reise überlebt. Moez, ein Freund und Mediator, der im Zentrum arbeitet, erzählt, dass es im Hotspot im Laufe des Donnerstags zu keinen nennenswerten Vorfälle kam. Daraus schließe ich, dass der junge Mann, dessen Gesundheitszustand mich am vorherigen Abend tief beunruhigt hatte, entsprechend versorgt ist.

Das neue Lampedusa

Es tut gut zu wissen, dass hier länger keine leblosen Körper mehr am Strand angespült wurden und auch wenn die Organisation im Hafen oft chaotisch ist und Helfer teilweise überfordert sind, kann man hier im Moment wirklich nicht von einem Ausnahmezustand sprechen. Diese Feststellung lässt sich allerdings nur mit einem weinenden Auge treffen – denn dass er hier nicht stattfindet, heißt lediglich, dass er sich verschoben hat. Konkret: Nach Lesbos, wo hunderte Flüchtlinge tagelang im Schlamm vor den Zäunen Morias ausharren. Moria – so heißen auch die Mienen im Fantasy-Epos Herr der Ringe, wo die Orks leben, schuften und wo es immer dunkel ist. Im Film waren es diese Szenen, in denen man hoffte, dass das Elend bald vorbei ist.
Gleiches wünscht man sich für die Szenen, die sich momentan im griechischen Moria abspielen. Hierbei handelt es sich um ein ehemaliges Hafenzentrum, das Mitte Oktober zum Hotspot umfunktioniert wurde. Es bietet ein weitaus schlimmeres Horror-Szenario als das fiktive Moria Tolkiens: Kinder, Schwangere und Kranke warten nass bis auf die Haut im Regen tagelang vor den Zäunen. „Man verliert momentan den Überblick, welche Leichen von welchem Schiff kommen. Die Kühlfächer im Krankenhaus sind voll und der Friedhof hat keinen Platz mehr für die Toten“, so Karl Knopp von Pro Asyl im Interview im NDR.

Strukturierung ohne Struktur

ProAsyl schreibt, dass die meisten, die hier ankommen, vor Krieg und Gewalt in Syrien, Afganistan und dem Irak. Der Hotspot soll auch hier dazu dienen, Schutzsuchende in andere Länder zu verteilen – dies betrifft vor allem Flüchtlinge, mit guten Schutzperspektiven, beispielsweise aus Syrien, Irak und Eritrea. ProAsyl zufolge sind vor allem afghanische Schutzsuchende von dieser Prozedur ausgeschlossen.
In den Hotspots sollen das Europäische Unterstützungsbüro für Asylfragen (EASO), das Europäische Polizeiamt (Europol),die EU-Agentur für justizielle Zusammenarbeit (Eurojust) und natürlich die EU-Grenzagentur FRONTEX zusammenarbeiten, doch noch wirkt die Arbeit alles andere als strukturiert und heillos überfordert.
In einem offiziellen Dokument der EU, in dem das Konzept des Hotspots beschrieben wird, befindet sich der Satz: „ Die Umsetzung des Hotspot-Konzepts in Griechenland wird in Anlehnung an die bisherigen Erfahrungen in Italien ausgestaltet.“
Bei diesem Satz möchte man am liebsten die Hände über dem Kopf zusammenschlagen: Natürlich wäre fast jeder Fortschritt in Griechenland besser als die gegenwärtige Situation, da es hier in gerade in erster Linie um die Erhaltung der Menschenwürde und die Achtung von grundlegenden Menschenrechten geht. Doch es ist zu hoffen, dass in den neuen Hotspots in Griechenland – im Gegensatz zum Zentrum auf Lampedusa – von Anfang an transparent kommuniziert wird, Absprachen eingehalten werden, professionelles Personal eingesetzt wird und Zuständigkeiten geklärt werden.
Dies ist das Mindeste. Doch sowohl Lampedusa als auch Lesbos verdeutlichen einmal mehr, dass es keine Lösung sein kann, Menschen unter entwürdigenden Umständen an Europas Rändern in gefängnisartigen Unterkünften festzuhalten: Der legale Zugang nach Europa fehlt und wird noch weitere Todesfälle zur Folge haben.

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