Irische Mentalität im italienischen Hafen

In meinem letzten Hafen-Artikel habe ich beschrieben, dass das üppige Empfangskomitee meiner ersten Ankunft nicht der Norm entsprach. Die Flüchtlingsankunft am Dienstagabend führte mir allerdings vor Augen, dass der Ablauf des beschriebenen Vormittags Ende September regelrecht bilderbuchreif verlief – und dass trotzdem alles noch schlimmer hätte sein können.

Sguardi di Speranza: hoffnungsvolle Blicke (Francesco Piobbichi)
Sguardi di Speranza: hoffnungsvolle Blicke (Francesco Piobbichi)

Zwischen 21.00 Uhr und 21.30 Uhr kommen zwei Schiffe im Hafen von Lampedusa an. Sie sind die ersten seit drei Wochen. Das Meer war zu stürmisch für eine Überfahrt. Mittlerweile hat es sich beruhigt und 250 Personen haben es über das Meer geschafft. In roten Rettungswesten und mit hoffnungsvollen Blicken.
Als die ersten 124 Personen – hauptsächlich aus Äthiopien und Somalia – das Schiff der Finanzpolizei verlassen, wird deutlich, dass es für sie höchste Zeit war, denn viele sind krank. Die Männer, Frauen und Kinder bleiben nach dem Anlegen ungewöhnlich lange auf dem Schiff, da die unterschiedlichen Organisationen diejenigen an Land holen, die medizinische Hilfe benötigen. Und das sind einige. Etwa 30 Personen werden etwas abseits von Ärzten und Medizinern betreut, während zwei junge, stark zuckende Männer auf Tragen an uns vorbei zum Krankenwagen gebracht werden. Insgesamt sieben weitere Personen müssen gestützt werden.
„Zieht euch unbedingt Handschuhe an – viele haben die Krätze“, sagt Lillo vom Roten Kreuz.
Wir befolgen seinen Rat und verteilen Tee und Gebäck an die Gruppe, die sich jetzt in einer Reihe auf den Misericordie-Bus zubewegt.
Heute muss alles schnell gehen. Uns bleiben etwa drei Sekunden pro Person, um diese mit Rettungsdecke, Snack und Tee auszustatten.
Die Ankunft des zweiten Schiffs erfolgt nahtlos. Der Tee ist bald aufgebraucht. Wir verteilen Saft und halten komplette Familienpackungen im Arm, aus denen wir fließbandartig Trinkpäckchen herausrupfen. Dabei gehen Strohhalme verloren, ohne die ein Trinkpäckchen logischerweise sinnlos ist. Einige werden wütend – wir suchen nach Päckchen mit Strohalmen und anschließend in der Menge diejenigen, die noch nicht versorgt sind. Mittendrin fragt ein junger Mann höflich, wo sein Bruder denn wohl eine Toilette finden könnte – eine Frage, auf die im Hafen erstaunlicherweise niemand vorbereitet ist. Sich einfach etwas abseits zu stellen ist nicht möglich, da der gesamte Eingangsbereich von Krankenwagen, Ärzten und medizinischen Helfern belagert ist. Die Stimmung ist angespannt.

In schlimmer Verfassung

Nach einer Weile sind alle versorgt. Ich will gerade meine Wasserflasche holen, als mich Veronika von Misericordie zur Seite nimmt: Sie benötigt eine Übersetzung vom Englischen ins Italienische. Ein erschreckend dünner Mann zeigt auf seine linke Körperhälfte.
„Die ganze Seite?“ frage ich.
„Ja. Bein, Seite, Arm“.
„Da hast du Schmerzen?“
„Nein. Da fühle ich überhaupt nichts“.
Ich übersetze. Lillo geht zum Krankenwagen. Vermutlich, um die medizinische Versorgung vorzubereiten.
Wie lange das schon so sei, soll ich fragen. Ich frage.
„Eine ganze Weile“.
„Wie lange ungefähr?“
„20“.
„20 Stunden?“
„20 Tage“. Ich übersetze.
Ob er Schmerzen habe.
„Ja, hier“. Er zeigt auf seine Brust. „Mir ist sehr kalt. Und ich muss ununterbrochen husten“.
Er hat Blut im Mund. Wir sind uns einig: Das ist überhaupt nicht gut.
Der junge Mann wird zum Krankenwagen gebracht.

Und plötzlich ist es vorbei. Der Bus verlässt den Hafen, es wird geregelt wie üblich. Die meisten Flüchtlinge werden im Bus zum Hotspot gefahren. Einige bleiben noch zur Untersuchung bei den Ärzten im Hafen.
Hier können wir nichts mehr tun. Wir werfen unsere blauen, glitischigen Gummihandschuhe weg und gehen zum Auto. „Nach Hause?“ raunt Alberto mir zu. Ich nicke. Heute hat keiner mehr Lust auf einen Umtrunk und ein geselliges Zusammensein.

Could be worse

In meiner Wohnung dusche ich lange. Plötzlich fällt mir das Irische Tagebuch von Heinrich Böll ein: Es handelt von seine Irlandreise Ende der 50er Jahre, als Irland noch eines der ärmsten Länder Westeuropas war. In dem Tagebuch beschreibt er die Could be worse-Mentalität der Iren und somit einen Art Volksport, der darin besteht, sich immer noch ein schlimmeres Unheil auszumalen. Der Schriftsteller beschreibt, dass die Iren geschichtlich immer mit Armut, Hungersnot und Elend konfrontiert waren. Böll schreibt: Sich bewusst zu machen, dass es immer noch schlimmer sein könnte, hilft ihnen  dabei, die Dinge etwas positiver zu betrachten.
Ich versuche es.
Pro Schiff benötigten nur etwa 30 Personen unmittelbare medizinische Versorgung – zum Glück ist der Großteil gesund.
Viele von ihnen waren nass bis auf die Knochen – zum Glück sind sie nicht ertrunken.
Einige haben schlimme Krankheiten – das bedeutet, dass sie noch leben und man ihnen noch helfen kann.
Und wovor sie ihn ihrer Heimat geflohen sind kann sich vermutlich auch der masochistischste Ire nicht ausmalen.

Ein Gedanke zu „Irische Mentalität im italienischen Hafen“

  1. Ach, Simon.
    Wenn ich so manchen Artikel von dir lese, möchte ich dir aus Japan ein großes Päckchen Kraft und Mut schicken. Ich glaube, wenn mehr Menschen deinen Blog läsen, würde einiges in der Flüchtlingsdebatte anders laufen.
    がんばって! Weiterhin viel Erfolg!

    Claudia

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