Lampedusa – das Hotspot-Experiment

Jede Woche veröffentlicht Mediterranean Hope einen italienischsprachigen Blogbeitrag. In diesem Blog werde ich Texte meiner Kollegen Marta Bernardini und Francesco Piobbichi ins Deutsche übersetzen.

LangesLager

Lampedusa, Agrigento (NEV), 14 ottobre 2015 – Der momentan einzige, tatsächlich aktive Hotspot Europas befindet sich auf Lampedusa. Einer Insel, die wieder einmal als Versuchslabor für die Politik der europäischen Grenze verstanden werden kann.
Die Verfasser dieser Zeilen können kein endgültiges Urteil darüber fällen, was hier in den kommenden Monaten geschehen wird – jedoch können wir sagen, was in den letzten Tagen auf der Insel passiert ist.
Nach Monaten der Gerüchte, die in bestimmten Abständen in die Welt gesetzt wurden, ist die neue Grenzmutation formalisiert worden. Diese wurde anhand der Proteste der Insassen des Zentrums deutlich: Vor etwa einer Woche, am 4. Oktober, haben die Migranten im Zentrum mit Schildern und Tafeln ihrem Wunsch Ausdruck verliehen – nämlich bald weiterreisen zu dürfen.
Dieser Protest wurde die Woche über fortgesetzt: Gespräche mit Verantwortlichen vor der Hauptkirche und in Form von Kundgebungen in den Straßen Lampedusas, in der sich die Gruppe mit der Frage beschäftigte, wie sie die Insel verlassen kann, ohne Fingerabdrücke abzugeben.
Paradoxerweise handelte es sich bei einem Großteil der Akteure im Rahmen dieser Proteste um junge Eritreer, die in die Kategorie von Personen fallen, die von den neuen europäischen Abkommen weitestgehend geschützt sind. Wir haben sie vor Verzweiflung schreien gesehen, wir sahen, wie sie ins Meer sprangen, um die Abfahrt der Fähre zu verhindern und wir sahen sie auf die Straße gehen, wo sie – wie bereits an vielen anderen Tagen – schreiend Freiheit forderten.

Gefährliche Unklarheit

Wir fragen uns, wie es dazu gekommen ist, ob es an der mangelnden Kommunikation bezüglich der neuen Änderungen oder an einem hohen Maß an Misstrauen liegt. Die Wahrheit liegt wahrscheinlich irgendwo in der Mitte – soweit wir wissen verließen am gestrigen Morgen über hundert von ihnen die Insel, ohne ihre Fingerabdrücke abgegeben zu haben.
Wir fragen uns, was geschehen wird, wenn die Quotenregelung der Flüchtlingsverteilung umgesetzt wird. Italien soll nun 24.000 Flüchtlinge in Europa umverteilen – im Jahr 2015 sind mehr als 130.000 Menschen hier angekommen.
Die Umverteilung ist eine schnelle Kalkulation, die auf eine Angst abzielt, die im Moment akut ist – aber was passiert mit den restlichen Personen? Auch wenn die Quote um ein paar Zehntausende erhöht wird – was wird im Hotspot los sein, wenn in ein paar Monaten die Nachricht kursiert, dass Personen, die ihre Fingerabdrücke abgegeben haben, in Italien bleiben? Aber dies ist nicht die einzige Sorge: Auch die Unterscheidung zwischen Flüchtlingen und Wirtschaftsmigranten könnte ein in die Richtung der Menschenrechtsverletzungen sein, sodass bald Wege zur Entwicklung einer neuen Klandestinisierung beschritten werden.

Kein Platz für Schubladendenken

Die Urteile, die der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in den letzten Jahren gegen Italien ausgesprochen hat, sollten uns vielleicht zu denken geben, ob dies tatsächlich der richtige Weg ist, um sich mit einem komplexen Phänomen wie Migration zu beschäftigen. Einem Phänomen, in dem es keine Schubladen geben darf, in die man willkürlich Eritreer oder Nigerianer oder Ägypter steckt. Noch besorgniserregender ist die Tatsache, dass hier mit diesen Experimenten begonnen wurde, an einem so abgeschiedenen und schwachen Ort Europas. Auf einer Insel, auf der immer schon Menschen gerettet wurden und zwar unabhängig davon, ob es sich nun um Flüchtlinge oder Wirtschaftsmigranten handelte.
Der Blick auf Lampedusa lässt uns die ersten Auswirkungen der neuen, europäischen Entscheidungen erkennen und lässt uns darüber nachdenken, welche weiteren Auswirkungen sie auf die Insel haben werden. Aus der Besonderheit dieses Aussichtspunkts resultiert auch eine noch stärkere Reflektion der Aktivitäten, die in Italien und Europa stattfinden werden.

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