Über die reine Erinnerung hinaus

Jede Woche veröffentlicht Mediterranean Hope einen italienischsprachigen Blogbeitrag. In diesem Blog werde ich Texte meiner Kollegen Marta Bernardini und Francesco Piobbichi ins Deutsche übersetzen.Kreidebild

Lampedusa, Agrigento (NEV), 7. Oktober 2015 – Giusys Kreide lässt den Asphalt vor der Wallfahrtskirche Santuario di Nostra Signora in bunten Farben leuchten. Nach stundenlanger, geduldiger Arbeit ist mit Unterstützung weiterer Inselbewohner ein großes Bild entstanden: Riesige, schützende Hände, die aus einem Meer aus Stacheldraht herausbrechen und ein Boot halten. Das Kunstwerk wird von Schwimmwesten und Decken eingerahmt – außerdem von Bootsteilen, die auf der Insel zusammengetragen wurden.

"Liebe und Frieden" und "Das Leben ist der wertvollste Schatz": Die Besucher der Zeremonie haben ihre Gedanken und Wünsche aufgeschrieben
„Liebe und Frieden“ und „Das Leben ist der wertvollste Schatz“: Die Besucher der Zeremonie haben ihre Gedanken und Wünsche aufgeschrieben

Das Bild soll an die Toten vom 3. Oktober 2013 erinnern. Es steht am Beginn der interreligiösen Gedenkzeremonie zwischen Himmel und Meer. Dieser Ort hier ist einer der ersten, an dem sich eine Koexistenz zwischen verschiedenen Glaubensrichtungen etablierte. Hier auf Lampedusa – der Insel der Erlösung, auf der sich Geschichten von befreiten Sklaven mit denen von Madonnen verweben, die Generationen von politischen Gefangenen schützen. Dieser Ort der Grenzen, die zunehmend militarisiert werden und doch von der ganzen Welt überquert werden, scheint mit seiner Geschichte und Identität der richtige Ort hierfür zu sein. Die Zeremonie am 3. Oktober wird damit auch zur Nachricht an die gesamte Menschheit, zu einer Botschaft der Toleranz, des Respekts, der Gegenseitigkeit, des Friedens und der Brüderlichkeit.

Gedenkzeremonie: Zwischen Meer und Himmel
Gedenkzeremonie: Zwischen Meer und Himmel

Viele meldeten sich hier zu Wort, beteten, rezitierten Passagen des Neuen Testaments, aus dem Koran und weiteren religiöse Texten oder lasen Gedichtzeilen von Erri De Luca vor. Auch Angehörige der Opfer des Schiffunglücks sowie Überlebende selbst sprachen im Rahmen der Zeremonie. Sie dankten denen, die sie an diesem Tag aus dem Meer retteten und erinnerten an diejenigen, die ihnen das Meer für immer genommen hat. Dieses mörderische Meer, zudem es von der Politik der Festung Europas gemacht wurde.

Viele Lampedusianer waren während der Zeremonie anwesend und viele haben in diesen Tagen an dem Erfolg dieses Ereignisses gearbeitet. Und wer kennt die Verpflichtung des Zusammenhalts an diesem Tag besser als die Lampedusianer? Wer kennt sie besser, die Retter, die Aufnahme der Namenlosen, wer könnte besser die Last dieser Erinnerungen auf seinen Schultern tragen, um dauerhafte Warnungen an unsere Regierung auszusprechen?

Interreligiös: In jeder Grotte spricht ein Vertreter einer anderen Religion
Interreligiös: In jeder Grotte spricht ein Vertreter einer anderen Religion

Die Zeremonie ist eine symbolische Reise, in deren Rahmen die Grotten des Porto Salvo durchquert werden. In diesen Grotten hat einst der Eremit von Lampedusa mit dem Koran oder mit dem Evangelium gebetet und sich geweigert, an einem religiösen Krieg teilzunehmen. Ist das nicht eine Idee, die über unsere Vorstellungskraft hinausgeht? Wer weiß schon genau, welche Geschichten der Wind und das Meer seit Jahrhunderten versuchen, uns durch die Steine zu erzählen? Wir fragen uns, warum dieser Ort noch nicht zum Weltkulturerbe geworden ist.

Der 3. Oktober ist hier am Porto Salvo viel mehr als wir zuerst denken, viel bedeutender und intensiver – denn Lampedusa trägt das Martyrium 368 Unschuldiger tief in seiner Seele. Es ist das Verständnis von Erlösung, das die Insel schon immer hatte. Und wie die Zeremonie mit den verborgenen Wurzeln der Insel in Einklang gerät, so ist sie auch ein Werkzeug, um sowohl an die Vergangenheit zu erinnern als auch der uns vorliegenden großen und schrecklichen Welt neues Leben einzuhauchen. Sie gehört uns allen und doch haben Grenzen und Stacheldraht tiefe Narben in ihr hinterlassen.
Und wie schrecklich war es für uns zu erfahren, dass nur ein paar hundert Meter von der Zeremonie entfernt andere Menschen angekommen sind, die den Seeweg zwar heile überstanden haben, aber von dem Rest der Insel getrennt sind und im Aufnahmezentrum weggesperrt wurden. Es ist mittlerweile zum Hotspot geworden.

Noch deutlicher unterschied sich die Atmosphäre zwischen der schönen und bewegenden Gedenkfeier am 3. Oktober von der Demonstration der Migranten, die einige Stunden später stattfand. Die eingesperrten Menschen beriefen sich auf ihr Recht auf Freiheit und forderten ein Ende der ungerechtfertigten Inhaftierung.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.