Das Tor zu Europa

Am Strand von Lampedusa endet Europa. Geographisch gehört die Insel schon zu Afrika. Passenderweise befindet sich auf Lampedusa auch Das Tor zu Europa – ein etwa fünf Meter hoher Torbogen. Eine Skulptur, die viele Fragen aufwirft.Es ist der Sonntag nach der Gedenkfeier anlässlich des 3. Oktobers 2013. Mediterranean Hope betreut an diesem Wochenende viele Gäste unterschiedlicher Glaubensrichtungen. Einer von ihnen ist der Methodistenminister Inderjit Bhogal. Während seine Kollegen Siesta halten, will er – ein britischer Gentleman mit indischen Wurzeln – unbedingt das Tor sehen. Typisches Touristenprogramm habe ich auf Lampedusa bisher kaum erlebt. Daher beschließe ich, mich mit ihm gemeinsam auf die Suche nach dem Tor zu machen.

Auf dem Hinweg isst er einen Icecream Burger, wie er das Eis nennt, das hier traditionell im Milchbrötchen verzehrt wird. Dabei unterhalten wir uns über die Kontraste der Insel: Ob Lampedusa die Hölle oder das Paradies ist hängt vor allem davon ab, ob man als Europäer auf das Meer hinausblickt oder als Afrikaner versucht über das Meer zu nach Europa zu gelangen.

Tor zu Europa

Das Tor von Europa wurde 2008 von dem italienischen Künstler Mimmo Paladino geschaffen und erinnert an all die Menschen, die ihre Flucht nach Europa nicht überlebt haben. Die Skulptur erzählt viele Geschichten dieser Art.
Nun stehen wir vor dem Tor, sehen viele Details und machen uns  Gedanken. Das Denkmal besteht aus Keramikplatten, die wie durch hässliche Narben miteinander verbunden sind. Überall auf dem Tor verteilt sind Gegenstände zu erkennen, wie sie auch in der Dauerausstellung des Porto M zu finden sind: Essbesteck, Schuhe, Geschirr. Wir sehen die Darstellung ausgeweideter Fische. „Vielleicht soll das bedeuten, dass das Meer den Menschen, die hier ankommen, das Rückgrat gebrochen hat“, sagt Inderjit.
Bei genauer Betrachtung fällt auf, dass sich die Details auf der europäischen und auf der afrikanischen Seite jeweils ein wenig voneinander unterscheiden. Unter diesem Aspekt leuchtet seine Erklärung ein: Die Fische befinden sich auf der europäischen Seite.
Mir fallen vor allem einige aneinandergereihte Telefonhörer auf: Drei sind unversehrt, der vierte ist zerbrochen. Sie befinden sich auf der europäischen Heimat – bedeutet dies, dass der Kontakt in die Heimat abgebrochen ist?

Zerbrochenes Geschirr - zerstörte Familien?
Das Tor Europas von der afrikanischen Seite…
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… und von der europäischen Seite aus betrachtet.

Auf der afrikanischen Seite sind ebenfalls Telefonhörer zu sehen, die aber aus der Wand hervorragen. Hinter dem dritten Hörer klafft eine Lücke. Es ist deutlich zu sehen, dass sich hier zwei weitere befinden sollten, bevor der sechste Hörer erscheint. In Bezug auf die Familien, die versuchen, über das Meer nach Europa zu kommen, ist es ziemlich eindeutig, was diese Lücke zu bedeuten hat. Wir sehen außerdem zerbrochenes Geschirr, das mit blauer Farbe gefüllt ist. Wahrscheinlich steht es symbolisch für die Familien, die vom Meer zerstört wurden. Auf beiden Seiten sind große Zahlen zu sehen. Auf der afrikanischen Seite sind sie noch geordnet, auf der europäischen Seite jedoch völlig durcheinandergeraten. Sind es Telefonnummern und Postadressen, die sich nicht mehr korrekt wiedergeben lassen? Sind es Menschen, deren unterlagenlose Leichname irgendwann zu Zahlen wurden? Oder Nummern, die den Überlebenden zugeteilt werden, die in das Aufnahmezentrum gebracht werden?

Fast eine Stunde lang stehen wir rätselnd vor dem Tor. Als allmählich die Sonne untergeht, treten wir den Rückweg an. Über uns fliegt ein Hubschrauber. Mein 60-jähriger Begleiter ist ebenfalls ein Flüchtling und sagt: „Man sollte bei jedem Militärhubschrauber skeptisch sein. Wir werden zwar nicht immer erfahren, was dahinter dem Auftauchen eines Hubschraubers steckt. Aber es ist wichtig, dass man nie aufhört Fragen zu stellen.“

Fünf Personen verstecken sich im Militarhafen - wovor?
Fünf Personen verstecken sich im Militarhafen – wovor?

Als wir den Hügel hinunterspazieren und der Hafen sichtbar wird, sehen wir ein Boot mit Flüchtlingen ankommen – und vor allem sehen wir fünf Personen, die sich am Ende des Stegs im Militärhafen auf den Steinen verstecken. Als wir den Hafen erreichen sind die Personen bereits verschwunden. Wir erfahren nicht, was mit ihnen geschehen ist. Doch wir erfahren, dass der Gesundheitszustand eines Flüchtlings stark gefährdet war und er deshalb mit einem Hubschrauber direkt nach Sizilien geflogen wurde.

„Wahnsinn“, sagt Inderjit auf dem Rückweg; ebenso betrübt wie erstaunt. „Da ist man erst am Tor Europas – und nur einige Minuten später am wirklichen Tor Europas“.

 

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