Im Mittelmeer wird auch am 3. Oktober gestorben

Anlässlich des Schiffunglücks am 3. Oktober 2013 organisierte Mediterranean Hope am Gedanktag einen interreligiösen Gottesdienst. Ein Nachwort von Paolo Naso (Übersetzung: Albers).

Das Bild von den 368 Särgen im Lagerhaus des Flughafens ging um die Welt und löste eine Welle intensiver Emotionen aus. Aufgrund diese Tragödie und diesen moralischen Skandal wurde die Operation Mare Nostrum ins Leben gerufen. Seitdem ist der 3. Oktober ein Symbol für ganz Europa dafür, dass es an der Zeit ist, die Mauern um Europa einzureißen.
Auch in diesem Jahr haben sich Männer und Frauen verschiedener Religionen auf Lampedusa versammelt, um dem Ereignis zu gedenken und erneut einen neuen und anderen Ansatz der Migrationspolitik im Mittelmeerraum zu fordern. Tausende von Menschen, die in Europa anklopfen, sind keine Wirtschaftsmigranten, wie Italien sie Mitte der 70er Jahre erlebt hat.

Werfen wir einen Blick hinter die Kulissen: In die Hölle, in der diese Menschen monatelang gelebt haben und in der sie auf Kriminelle gewartet haben, von denen sie schließlich um einige tausend Euro für einen Transport in einem Laderaum voller Rauch und Dämpfen erpresst wurden. Mit diesem Blick können wir verstehen, dass wir einem neuen Phänomen von Armut entgegenstehen, das seine Ursprünge in Verfolgung, Hungersnot, Wüstenbildung und der Verletzung von Rechten hat.
Es ist eine neue globale Migration. Sie unterscheidet sich stark von jener am Ende des zwanzigsten Jahrhunderts und ist eng mit dem Scheitern der westlichen Militärintervention in Afghanistan, Irak und Libyen verbunden. Natürlich spielen im Chaos am Mittelmeer weitere Faktoren eine große Rolle: der Ausbruch der schlimmsten Art des islamistischen Fundamentalismus – dunkel und gotteslästerlich –, dem es gelingt, große geopolitische Zonen im Nahen Osten und in Nordafrika zu destabilisieren, der ungewisse Ausgang der arabischen Revolution und die Hegemoniespiele in einigen arabischen Ländern. Doch die tausenden von Flüchtlingen, die heute an unsere Tür klopfen, sind auch Opfer unserer Fehler und dem politischen und militärischen Versagen des Westens – einschließlich Europa, das heute Mauern und Befestigungsanlagen hochzieht, um sich vor der Migration abzuschotten.

DritterOktober
Interreligiöser Gottesdienst in Gedenken an das Schiffsunglück am 3. Oktober 2013

Diese Probleme betonen sowohl Christen – Katholiken, Protestanten, Orthodoxe – als auch Muslime, Hindus, Buddhisten, Sikh und Mormonen, wenn sie auf Lampedusa zusammenkommen, um gemeinsam zu beten. Sie wollen einen Bund des Engagements zu erneuern, der auf eine neue, globale Migrationspolitik abzielt. Doch auf dem Heimweg, getröstet von der Freundschaft und Unterstützung zahlreicher Lampedusianer, die diesen Moment des Gebets und der gemeinsamen Verpflichtung weitertragen wollen, erhalten wir die Nachricht von mehr als hundert Toten, einige Meilen von der libyschen Küste entfernt.
Dann folgen die üblichen Bilder von Schwimmkörpern und entstellten Kindergesichtern sowie mehr oder weniger geheuchelte Anteilnahme in den Stellungnahmen und Erklärungen.

Nichts, was nicht schon gesehen hatte, denn: Im Mittelmeer wird auch am 3. Oktober gestorben. Und in ein paar Jahren werden wir nicht mehr genau wissen, welche Kastastrophen an diesem symbolischen Datum ursprünglich stattfanden.

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