Die große Ratlosigkeit

Heute Nachmittag demonstrierten etwa fünfzig junge Eritreer zwei Stunden lang friedlich in den Straßen von Lampedusa. Sie wollen endlich Klarheit und bessere Konditionen. Die Verantwortlichen sind ratlos.

Eine Gruppe eriträischer Flüchtlinge demonstriert in der Innenstadt
Friedliche Demonstration: Eine Gruppe eritreischer Flüchtlinge in der Innenstadt von Lampedusa

Die Jugendlichen weigern sich, im Aufnahnezentrum ihre Fingerabdrücke abzugeben. Sie rufen: „No Fingerprint“. Sie wollen gehört werden: „Al Jazeera: contact us“. Und immer wieder: „This is not Freedom“. Viele von ihnen sind bereits seit mehr als einer Woche auf Lampedusa.
Die Gruppe habe das Aufnahmezentrum wahrscheinlich durch ein Loch im Zaun verlassen, wie ein Dolmetscher des Zentrums uns erzählt. Die Bewohner des Aufnahmezentrums dürfen das Gelände zurzeit nicht verlassen – die bereits beschriebene Militarisierung der Insel wirkt sich vor allem auf das Zentrum aus, dass immer mehr zu einem Gefängnis wird.
Es herrscht Ungewissheit über die Vorgänge im Inneren des Centro di Accoglienza, das momentan im Begriff ist, sich in einen Hotspot zu verwandeln. Die Kommunikation der Mitarbeiter des Zentrums ist im Moment sehr intransparent. Das liegt sehr wahrscheinlich mitunter daran, dass der Vertrag zwischen den Betreibern des Zentrums und der italienischen Regierung für drei Jahre gilt und somit am 2. Oktober abgelaufen ist.
Was genau wird sich ändern? Was hat sich schon geändert? Die Gruppe, die heute auf die Straße gegangen ist, hat gestern über Verletzungen geklagt und das Personal dafür verantwortlich gemacht. Wir haben in den vergangenen Tagen Matratzen im Hof gesehen, die darauf hindeuten, dass mehr Personen aufgenommen werden als im Inneren des Zentrums versorgt werden können. Ich habe mit Flüchtlingen gesprochen, die sich mittlerweile seit zehn Tagen im Zentrum befinden.

Viele Gerüchte und einige Fakten

Zurzeit kursieren viele Vermutungen und Gerüchte in der Stadt.
Mit Sicherheit lässt sich aber sagen, dass im Zentrum momentan mehr Flüchtlinge leben als erlaubt und dass sie sich dort länger aufhalten müssen als vorgesehen.

Kapazitätsgrenzen: Auszug aus den Unterlagen des Bezirks Agrigent
Kapazitätsgrenzen: Auszug aus den Unterlagen des Bezirks Agrigent

Dies geht aus offiziellen Dokumenten des zuständigen Amtsbezirks Agrigent hervor. Die Vorschriften und Regularien bezüglich des Zentrums lassen sich über die Website des italienischen Innenministeriums leicht einsehen. Hier wird eine Kapazität für 250 Personen genannt – alleine am Beispiel der 410 Flüchtlinge, die wir am Dienstagabend im Hafen empfangen haben, wird eine Überschreitung dieser Kapazitäten deutlich.
Ebenfalls geht aus den Unterlagen hervor, dass ein Aufenthalt von bis zu 48 Stunden vorgesehen ist und dass die Regierung den Betreibern des Zentrums – dem Freiwilligennetzwerk Misericordie – pro Kopf täglich 30 Euro zuzüglich Mehrwertsteuer zahlt. Bei 250 Flüchtlingen sind das 15.000 Euro.
Einmal angenommen, die Flüchtlinge von Dienstag würden für zehn Tage bleiben, so wären das bereits 123.000 Euro. Neben den Vorwürfen verschiedener Rechtsverletzungen hat die Verschwiegenheit der Mitarbeiter des Zentrums also auch ökonomische Gründe.

Unklarheiten und Sprachbarrieren

Doch die Unklarheit macht auch vor den Mitarbeitern unterschiedlicher Parteien nicht halt: Ein Streifenwagen der Polizei folgt der Gruppe. Die Flüchtlinge sind aus dem Zentrum ausgebrochen – doch ist es überhaupt rechtens, dass sie dort eingesperrt sind? Die Polizei macht keinerlei Anstalten die Jugendlichen zurückzubringen und greift während der Prozedur nur dann ein, wenn Schaulustige versuchen, die Gruppe zu filmen.

Außerdem scheint die Kommunikation zwischen den Mitarbeitern des Zentrums und den Flüchtlingen ein großes Problem zu sein: Adel, ein Mitarbeiter der für Save The Children arbeitet, erzählt uns, er und eine Dolmetscherin seien die Einzigen im Zentrum, die tigrinisch sprechen. Ein Großteil der überwiegend minderjährigen Gruppe, die heute versucht hat, sich in der Innenstadt Lampedusas Gehör zu verschaffen, spricht Adel zufolge ausschließlich tigrinisch; die Amtssprache Eritreas.
Doch sie werden auch heute nicht gehört. Erneut nehmen sie auf den Stufen von San Gerlando Platz und warten. Nach einer halben Stunde treten sie resigniert den Rückweg zum Zentrum an.

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