„Für wie blöd haltet ihr uns eigentlich?“

Es ist Mittwochvormittag. Auf den Stufen der Kirche San Gerlando versammeln sich etwa 30 Flüchtlinge. Sie sind wütend, beklagen die Missstände im Aufnahmezentrum, fordern Transparenz und fragen sich, ob die Betreiber des Zentrums sie eigentlich für dumm verkaufen wollen.

Unsere Befürchtungen haben sich bewahrheitet: Aus Protest gegen die Zustände im Zentrum treten einige Flüchtlinge jetzt in den Hungerstreik und weigern sich außerdem zu trinken. Sie wurden mit einem Bus hierher gebracht, mehr will uns niemand dazu sagen. Doch nun sitzen sie vor der Kirche, sind aufgebracht und wollen endlich gehört werden.
„Da drinnen schlagen sie uns“ sagt ein junger Mann, lockert den Verband seines Handgelenks und entblößt eine tiefe Schnittwunde.

Ich unterhalte mich mit Dr. Eliakim Sibanda. Er lehrt Human Rights and Global Studies an der Universität Winnipeg in Kanada, erzählt mir, ein junger Mann hätte ihm außerdem eine schlimme Kopfverletzung gezeigt und bittet mich um eine Übersetzung.

Ein Helfer des Netzwerks Misericordie versucht die Gruppe aus dem Aufnahmezentrum zu beruhigen
Ein Helfer des Netzwerks Misericordie versucht die Gruppe aus dem Aufnahmezentrum zu beruhigen

Plötzlich bemerke ich eine Hand auf meiner Schulter und drehe mich um. „Police“ sagt ein Mann mit Goldzahn, weißem Polo-Shirt und einer exzentrischen Brille. Ich lache. Er nicht. Also meint er es ernst. Der Mann zeigt mir seine Marke, will wissen, wer ich sei und – mit Verweis auf mein Notizbuch – ob ich einen Journalistenausweis hätte. Er will die Ausweise von mir, dem Professor und der Studentin sehen, die ihn begleitet.

Dann betritt Don Mimmo die Szenerie. Don Mimmo ist der Priester von Lampedusa und hat vor wenigen Tagen einen Gottesdienst gemeinsam mit evangelischen und methodistischen Pfarrern, islamischen Imanen, Buddhisten und Sikh anlässlich des Schiffunglücks am dritten Oktober 2013 durchgeführt. Er arbeitet eng mit Mediterranean Hope zusammen und ist in der Regel ein äußerst entspannter und weltoffener Mann. Als er die Polizisten bemerkt ist er allerdings mehr als wütend. „Was wird das? Das hier ist eine Kirche! Es ist ein Menschenrecht, sich zu informieren!“
Die Polizisten schauen sich ratlos an. Der Polizist, der unsere Ausweise sehen wollte, antwortet verdruckst: „Naja, das ist unsere Pflicht. Wir mussten halt –“
„Einen Sch*** müsst ihr! So nicht!“, ruft Don Mimmo und verlässt wutentbrannt den Platz.

Schutz gegen falsche Berichterstattung

Mittlerweile ist auch Bürgermeisterin Giusi Nicolini gekommen, um sich ein Bild von der Situation zu machen. Sie schüttelt verständnislos den Kopf. „Seid wann machen wir denn so etwas?“. Veronica, die Leiterin von Misericordie auf Lampedusa, ist ebenfalls wütend. „Wer immer hier die Polizei gerufen hat, wird sich vor mir verantworten müssen“. Misericordie arbeitet mit der Kirche zusammen und nutzt ebenfalls ihre Räumlichkeiten.
Es stellt sich raus, dass ein Mitarbeiter von Misericordie die Polizei eingeschaltet hat. Es handelt sich um einen jungen Mann, der erzählt, er sei im Zentrum im Rahmen des Protests am Freitag mit Steinen beworfen worden. Es sei völlig falsch, wie Misericordie in Zusammenhang mit dem Zentrum dargestellt werde. Als er unsere Notizbücher sah, wollte er sich gegen falsche Berichtserstattung wehren und hat die Polizei gerufen, wie er dem kanadischen Professor später erzählte.

Bus
Die Flüchtlinge, die sich hier versammelt haben, weigern sich, im Zentrum Fingerabdrücke zu geben. Außerdem verstehen sie nicht, warum anscheinend willkürlich für einzelne von ihnen Weiterreisen organisiert werden, während sie selbst zurückbleiben und nicht über weitere Vorgehensweisen informiert werden.
Die Verwirrung ist perfekt, als eine Vertreterin des EASO (Europäisches Unterstützungsbüro für Asylfragen) versucht die Wogen zu glätten, indem sie der Gruppe einen Ausdruck der Regelung zeigt, die besagt, dass die Mitarbeiter des Zentrums die Erlaubnis haben, Fingerabdrücke der Neuankömmlinge zu nehmen. Dies sei eine gesetzliche Regelung der Europäischen Union, sagt sie.
Die Flüchtlinge reagieren erbost und mit Unverständnis, da sich auf dem Ausdruck weder eine Unterschrift noch ein offizieller Stempel befindet. Sie wiederholt stoisch, die Entscheidung sei dennoch offiziell, sie sollten das bitte akzeptieren. Dabei zeigt sie immer wieder auf einen Artikeln in der Zeitung Corriere della Sera, die sie in der Hand hält. Es ist ein Artikel über den Umbau von Aufnahmezentren zu Hotspots. Darin steht, dass das EASO, FRONTEX und weitere Organisationen mit den örtlichen Behörden innerhalb der Hotspots zusammenarbeiten, um im Rahmen des Identifizierungsprozesses Fingerabdrücke zu nehmen. Die Umwandlung zu Hotspots soll in Italien bis Ende November abgeschlossen sein. Keine neuen Informationen also, die sich mit einer einfachen Google-Suche schnell finden lassen.

Ein Junge, vielleicht 17 Jahre alt, schaut die EASO-Vertreterin an und fragt dann: „Sagt mal… für wie blöd haltet ihr uns eigentlich? Das soll ein Beweis sein? Haltet ihr uns für naive Kinder? Warum klärt uns nicht einfach mal jemand auf?“.
Er und die anderen Flüchtlinge geben sich zumindest nicht mit dem DINA4-Zettel zufrieden und wollen warten, bis ein offizieller Vertreter der EU mit ihnen spricht.
Tatsächlich ist ein solcher Besuch für Freitag angekündigt. Allerdings würde im Zentrum schon seit vielen Tagen davon gesprochen werden, erzählt der Junge. Bald. Mittwoch. Morgen. Demnächst. Freitag. Ganz bald. Er wisse nicht mehr, was er glauben solle.

Umlagerung in ein anderes Zentrum

Letztlich wird die Situation gelöst, indem die Misericordie-Helfer den Flüchtlingen zusagen, sie müssen nicht mehr im Zentrum in Lampedusa bleiben und würden stattdessen am nächsten Tag in ein anderes Zentrum gebracht. Wir erfahren nicht, wohin genau. Eine Übersiedlung am Freitag nach Porto Empedocle sei ohnehin geplant gewesen, wie die Studentin erzählt. Gewiss ist nur, dass die Flüchtlinge bei Ankunft der EU-Vertreterin am Freitag nicht mehr vor Ort sein und ihre Geschichte nicht erzählen werden.

Heute Morgen waren wir im Hafen und haben dort gesehen, wie die Flüchtlinge die Fähre betraten und das Schiff ablegte. Auf der anderen Seite des Hafenzauns weinten Kinder, wie ich noch nie Menschen weinen sehen habe. Wahrscheinlich wurden sie gerade von Geschwistern und Freunden getrennt. Ein Junge von etwa elf Jahren flieht, springt ins Hafenbecken und wird von einem Feuerwehrboot zurückgebracht.
Wieder wird deutlich: Nichts macht den Flüchtlingen hier auf Lampedusa mehr Angst als Ungewissheit und Intransparenz.

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