Lichter auf Lampedusa

Ich habe vor einigen Wochen beschrieben, wie Flüchtlinge an einem Freitagmorgen von den Helfern verschiedener Organisationen wie auch von Politikern und Medienvertretern begrüßt wurden. Ein solch üppiges und perfekt getaktetes Empfangskomitee ist allerdings selten der Fall – vor allem nicht in der Nacht.

Wenn wir um 18.30 Uhr erfahren, dass in anderthalb Stunden Schiffe mit insgesamt 450 Personen ankommen, ist das wenig glamourös. An einem sonnigen Freitagvormittag schauen Vertreter vieler Organisationen gerne vorbei. Mit einem jovialen Schulterklopfen reichen Abgeordnete des europäischen Parlaments den Neuankömmlingen dann auch gerne mal einen Tee, den freiwillige Helfer vorher fließbandartig in hunderte kleine, weiße Plastikbecher gefüllt haben. Journalisten und Politiker reden dann kurz mit den Flüchtlingen – sollten diese Italienisch oder Englisch sprechen.
Sowohl das Interesse für die Situation wie auch die Berichterstattung solcher Momente ist natürlich wichtig. Doch die Art, auf die sie Willkommen geheißen werden, darf nicht von der Präsenz der Medien und prominenter Politiker abhängen. Wirklich wichtig sind die Menschen, die auch dann vor Ort sind, wenn niemand hinschaut. Dann erst recht.

Am Dienstagabend sind wir zu zehnt. Wir, das ist das Forum Lampedusa Soridale. Neben dem Mediterranean Hope-Team und einigen ehrenamtlichen Helfern, die bei jeder Ankunft dabei sind, besteht das Forum heute Abend aus einigen Touristen, die im Rahmen der Gedenkfeier am dritten Oktober nach Lampedusa gekommen sind. Ansonsten begegnen uns im Hafen dieselben Personen wie immer: Die Mitglieder von Misericordie stehen am Krankenwagen und rauchen, die Beamten der Küstenwache bauen Scheinwerfer auf, Polizisten stehen wie eine Mauer im Eingangsbereich des Hafens während ihre Kollegen von der Guardia Finanza am Kai stehen und telefonieren. Eine überschaubare Gruppe für 450 erwartete Flüchtlinge.

Das erste Boot wird um 20.30 Uhr sichtbar. Es ist der Moment, in dem die Flüchtlinge zum ersten Mal Lampedusa sehen – und der Moment in dem wir eine erste Ahnung davon bekommen, wie sich die Gruppen auf den Booten diesmal zusammensetzen.
Auf dem ersten Boot befinden sich fast ausschließlich Frauen und Kinder. Sehr viele Kinder. Einige Helfer von Misercordie halten Säuglinge im Arm, wenn die Mütter medizinisch versorgt werden müssen. Viele der Frauen haben zu wenig getrunken, sind schwach und müssen gestützt werden. Eine Mutter schreit laut, als sie für einen Moment von ihrem Kind getrennt wird. Sie zu beruhigen gelingt den Misercordie-Helfern nur mühsam und unter dem Einsatz von Zeichensprache. Während wir Tee und Crossaints verteilen zähle ich fünf Säuglinge. Ich schätze mehr als die Hälfte der Ankömmlinge als minderjährig ein. Wer nicht akut versorgt werden muss, wird direkt zum Bus gebracht, der zum Zentrum führt.

„Für Europäer seid ihr hier ganz schön schlampig organisiert“

Das zweite Schiff kommt eine knappe halbe Stunde später an. Der Bus ist noch nicht zurück, die Wartezeit wird länger. Diesmal sind es größtenteils junge Männer, die in einer Reihe stehen und warten. Wir führen etwas Smalltalk.
Majid ist 27 Jahre alt und kommt aus Palästina. 14 Stunden lang war er auf dem offenen Wasser. Dafür ist er relativ entspannt: Das Wasser sei sehr ruhig gewesen, er und die anderen hätten größtenteils schlafen können. Er erzählt mir, dass auch unter seinen Mitreisenden niemand seekrank geworden sei. Majid ist alleine gekommen, ohne Geschwister oder Freunde. Genauso der 20-jährige Naif, ebenfalls aus Palästina, der 15-jährige Ahmed aus Somalia oder der 16-jährige Abdul aus Syrien. Naif fragt mich nach Zucker für den Tee. Ich antworte, dass wir daran leider nicht gedacht haben. Er klopft mir auf die Schulter: „Für Europäer seid ihr hier ganz schön schlampig organisiert“. Wir lachen. Es tut gut, zu sehen, dass er und seine Mitreisenden gesund sind.

Luci a Lampedusa (Lichter auf Lampedusa) von Francesco Piobbichie
Luci a Lampedusa (Lichter auf Lampedusa) von Francesco Piobbichie

Mittlerweile ist der Bus angekommen. Eingehüllt in ihre goldenen Termo-Decken verlassen Majid, Naif, Ahmed, Abdul und etwa fünfzig weitere Männer den Hafen. Sie erinnern mich an ein Bild, dass Francesco vor einigen Monaten gemalt hat. Es trägt den Titel Lichter auf Lampedusa. Die Scheinwerfer und die Laternen des Hafens spiegeln sich in den Decken – im wahrsten Sinne des Wortes ein Lichtblick.

Der Bus biegt gerade um die Ecke, als das dritte Boot ankommt. Die Abläufe verschieben sich noch stärker. Wir kommen mit dem Abfüllen des Tees nicht hinterher und müssen zwischenzeitlich Wasser ausschenken. Die längere Wartezeit bedeutet für mich allerdings auch mehr Zeit für Gespräche mit den Neuankömmlingen.
Ich unterhalte mich mit John aus Nigeria. Seine Freunde würden ihn Rasta nennen, sagt er mir – ein Name der in Hinblick auf seine Frisur schnell einleuchtet. Er ist 25 Jahre alt und Malermeister. Sieben Jahre lang lebte er in Libyen. Ich frage ihn nach dem Schlüsselmoment, der ihn zur Flucht bewegt hat. Er überlegt lange und sagt dann: „Ich wollte einfach frei sein.“

Auf der Suche nach Freiheit

John erzählt mir, wie sein bester Freund erschossen wurde. Einfach so. Er erzählt auch, wie sie zu ihm selbst nach Hause kamen und ihn verprügelt haben.
„Wer sind denn die?“ frage ich. „Polizisten?“
„Das kann man in Libyen nicht immer so genau sagen. Ich habe Fotos von meinen Verletzungen. Die würde ich dir gerne zeigen, aber sie sind auf meinem Smartphone. Und das wurde mir aber von der Küstenwache weggenommen.“
„Die Küstenwache hat dir dein Telefon weggenommen?“
„Ja, aber ich bekomme es gleich im Zentrum wieder. Wir haben Nummern bekommen.“ John zeigt mir sein Handgelenk. Er ist die Nummer 187. Ich frage ihn nach seinen weiteren Plänen.
„Habe ich nicht“, sagt John. „Gott hat mich bis nach Europa gebracht, er meint es also wohl gut mit mir. Dann wird er auch für den weiteren Weg etwas mit mir vorhaben. Ich lebe, ich bin frei und ich bin gewillt zu arbeiten – es wird also alles gut werden.“
Er übersetzt unser Gespräch einer Gruppe junger Männer, die neben ihm auf der Hafenmauer Platz genommen haben. Nach zwanzig Minuten kommt der Bus. Auch John ist in die goldene Termo-Decke gehüllt und reiht sich in eine weitere Lichterkette ein.

Insgesamt kommen an diesem Abend 410 Menschen an. Tote habe es bisher nicht gegeben, sagen uns einige Beamte der Küstenwache, als wir gegen 23.00 Uhr den Hafen verlassen. 410 Menschen, die im Dunklen ankommen, hinter einem hohen Tor in Busse einsteigen und ein tristes, gefängnisartiges Gebäude betreten, das sie erst am Tag ihrer Abreise wieder verlassen dürfen. Ankünfte dieser Art finden hier ständig statt – die meisten Lampedusianer bekommen davon nichts mit, keine Zeitung wird darüber berichten. Doch es passiert. Ständig. Mal sind es mehr Personen als heute, häufig etwas weniger. Meistens geschieht es tagsüber, aber manchmal auch nachts. In der Arbeitszeit wie auch danach. Ob Fußball im Fernsehen läuft nicht. Ob Journalisten und Politiker anwesend sind oder nicht.
Ständig.

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