Protest im Aufnahmezentrum

Die Situation im Aufnahmezentrum von Lampedusa bleibt weiterhin intransparent. Weder die Lampedusianer noch die Flüchtlinge innerhalb des Zentrums werden ausreichend über Abläufe und weitere Vorgehensweisen informiert. Dies führt nicht nur unter politischen Aktivisten (siehe Beitrag LampedusaInFestival) zu Unzufriedenheit – am Sonntagmorgen kam es im Centro di Accoglienza zu einem Protest der Insassen. Zwei Tage zuvor, am zweiten Oktober, kam es im Rahmen einer Überführung zu Ausschreitungen zwischen dem Personal des Zentrums und seinen Bewohnern: Einige Flüchtlinge sollten das Zentrum verlassen und wurden Sizilien gebracht, während andere weiterhin in Lampedusa bleiben sollten. Mitglieder von Askavusa gehen davon aus, dass hier Familien von einander getrennt werden sollten. Im Rahmen des Vorgangs wurden Steine geworfen.

Screenshot: Die Bewohner des Zentrums protestieren im Innenhof (Video: Askavusa)
Screenshot: Die Bewohner des Zentrums protestieren im Innenhof (Video: Askavusa)

Am Sonntagmorgen gegen 10.00 Uhr sollten die Verbliebenen mit einem Bus zur Fähre gebracht werden, die sie zum Porto Empedocle auf Sizilien bringen würde. Porto Empedocle ist der Ausgangspunkt für den Schiffsverkehr zu den Pelagischen Inseln, zu denen vor allem Lampedusa gehört.
Eine Filmaufnahme zeigt, dass die Flüchtlinge, die im Zentrum bei ihrem Gepäck auf die Abfahrt des Busses warteten, zu Bannern griffen und lautstark protestierten: “We don’t want Lampedusa!” und “We don’t want prison!”. Am Zaun erzählten einige Flüchtlinge, dass sie keine Fingerabdrücke abgeben mussten und sehr glücklich darüber seien, nun endlich weiterfahren zu können.

Endlich frei?

Nein. Sie warteten vergeblich. Die Überführung fand auch diesmal nicht statt. Mitglieder von Askavusa erhielten eine halbe Stunde, nach dem den Ort verlassen hatten, eine Nachricht, die sie darüber informierte, dass die Aktion abgebrochen wurde. Im Hafen waren viele Polizisten, als die Fähre den Hafen verließ – Personen aus dem Zentrum waren allerdings nicht an Bord. Die angespannte Situation und die Unsicherheit, in der sich die Bewohner des Zentrums bewegen, bleiben also bestehend. Es ist ebenfalls möglich, dass es demnächst zu Hungerstreiks kommt.

Was steckt dahinter? Warum werden die Menschen, die nach einer lebensgefährlichen Reise endlich in Europa und – fürs Erste – in Sicherheit angekommen sind, im Unklaren über ihre Zukunft gelassen?
Die beschriebene Situation veranschaulicht einmal mehr, dass das Schicksal der Flüchtlinge auf Lampedusa in den Händen eines militarisierten Systems liegt. Mediterranean Hope geht davon aus, dass das Aufnahmezentrum bereits zu einem Hot Spot wurde. Die EU-Kommission plant bis Ende November hat die Errichtung von elf Hotspots: Fünf in Griechenland und sechs in Italien – in Pozzallo, Porto Empedocle, Trapani, Augusta, Taranto und auf Lampedusa. Der größte Hot Spot Italiens wird der auf Lampedusa sein.

Zwischen Empfang und Effizienz

Bisher wird offiziell weiterhin vom Centro di Accoglienza gesprochen; einem Aufnahmezentrum also. Doch Accoglienza bedeutet auch Bewirtung und Empfang. Gestaltete sich dieser Empfang auch bisher schon fragwürdig, so verabschiedet sich das Zentrum spätestens mit seiner Umwandlung zum Hot Spot endgültig von dem Willkommensbegriff. Stattdessen wird hier mit Schubladen gearbeitet: im ganz großen Stil, mit militärischer Effizienz und einer perfektionierten Ungleichbehandlung. Asylanträge sollen schneller bearbeitet werden, doch zu schneller Hilfe wird dies wohl kaum führen: Hier, unmittelbar an Europas Außengrenze, werden die guten Asylbewerber von den schlechten getrennt. Flüchtlinge, die den Schutz der EU verdient haben und Wirtschaftsflüchtlinge, für die sich der Aufenthalt in Europa besonders kurz gestalten soll. Dadurch soll unkontrollierte Einwanderung verhindert werden.
Also wird kontrolliert. Doch wohin die angeblichen Wirtschaftsflüchtlinge abgeschoben werden ist unklar. Nach Libyen? Das widerspricht dem Völkerrecht, da sich Libyen im Krieg befindet. Doch angesichts der allgegenwärtigen Unklarheit sollte uns dieser Punkt besonders aufhorchen lassen.
Viele Prozesse im Inneren bleiben unbeleuchtet. Personen im inneren erzählten bisher sowohl am Sonntag als auch vor zwei Wochen, dass bisher keine Identifizierung durch Fingerabdrücke stattfand. Wie lange dies noch der Fall ist, bleibt ebenfalls unklar. Es ist auch nicht bekannt, wie die Quote zur Verteilung von Asylbewerbern innerhalb Europas umgesetzt wird und welche Rolle das Zentrum in Lampedusa dabei spielen wird.
Auf ihrem Blog beschreibt Askavusa persönliche Beobachtungen, denen zufolge im Zentrum verschiedene Parteien arbeiten: Die Confederazione Nazionale Delle Misericordie D’Italia (kurz: Misericordie), die italienische Polizei inklusive Spurensicherung, die IOM (International Organization for Migration), INMP (Istituto Nazionale per la Promozione della Salute delle Popolazioni Migranti), der italienische Malteser-Hilfsdienst CISOM (Corpo italiano di soccorso dell’Ordinie di Malta) und drei Beamte von FRONTEX, deren Aufgabe die Identifizierung der Insassen ist, bevor diese weiter reisen.
Betrieben wird das Zentrum von dem ältesten organisierten Freiwilligendienst der Welt, Misericordie. Das bedeutet übersetzt Barmherzigkeit. Für die Mitglieder des Hilfswerks gelten nach der Lehre der römisch-katholischen die sieben leiblichen Werke der Barmherzigkeit: Die Hungrigen speisen, den Dürstenden zu trinken geben, die Nackten bekleiden, die Fremden aufnehmen, die Kranken besuchen, die Gefangenen besuchen und die Toten begraben.
Aufgaben dieser Art bietet Lampedusa offensichtlich mehr als genug. Askavusa berichtet, Misericordie sei im Begriff, ein Büro in Lampedusa zu öffnen. Dies bedeutet zum einen, dass bald mehr finanzielle Mittel für die Verwaltung des Zentrums zur Verfügung stehen werden. Das bedeutet aber auch, dass hier neue Arbeitsplätze geschaffen werden und dass die Wirtschaft der Insel in Zukunft um ein weiteres Stück von der Migration abhängen wird.

Ungewisse Zukunft

Von welchen Ausmaßen sprechen wir hier, von wie vielen Arbeitsplätzen? Wird Misericordie im neuen Büro über die Tätigkeiten im Zentrum aufklären? Werden sich die zusätzlichen finanziellen Mittel positiv auf die Kommunikation innerhalb des Zentrums auswirken, sodass die Bewohner demnächst schneller Gewissheit über ihre Zukunft erhalten? Oder ist es nur ein weiterer Schritt einer Bürokratisierung von Menschenleben?

Die Fähre nach Porto Empedocle
Die Fähre nach Porto Empedocle

Heute Vormittag waren Francesco und ich erneut am Zentrum. Im Hof war es ruhig, eine Gruppe Kinder spielte Fußball. Zumindest hier schien sich die Situation vorerst beruhigt zu haben.
Anschließend waren wir am Hafen. Um 10.30 Uhr kam ein Bus mit Flüchtlingen an. Sie wurden auf die Fähre nach Porto Empedocle gebracht. Am Sonntag war eine Gruppe Tunesier angekommen, um die Francesco sich besonders sorgte – er und Alberto gehen davon aus, dass sie bald wieder zurückgebracht werden. Francesco zufolge handelte es sich bei den Männern im Bus nicht um die Tunesier. Waren es die Bewohner, deren Weiterreise bisher so oft vertagt wurde? Wahrscheinlich. Doch auch dies ist – wie so viele Prozesse des Zentrums – unklar.

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