Über die Militarisierung einer Insel

Auf Lampedusa lassen sich Spuren byzantinischer, arabischer und griechischer Siedlungen finden. Hier leben vom Aussterben bedrohte Schildkröten, die sich im feinen Sand und im klaren Meerwasser wohlfühlen. Auf der Insel gibt es mehrere Naturschutzgebiete – doch man sieht auch immer wieder diese kleinen, gelben Schilder: Zutritt verboten – Militärüberwachung.

Man sieht sie im Hafen, am Eingang des Aufnahmezentrums und natürlich an den Stacheldrahtzäunen, die um die ehemalige amerikanische Militärstation Loran C an der äußersten Westspitze der Insel herumführen. Die Station wurde 1986 von Libyen aus mit zwei Boden-Boden-Raketen beschossen. Die Geschosse verfehlten ihr Ziel und landeten im Meer. Folgenlos blieb der Angriff trotzdem nicht: Die Station der Küstenwache wurde seit von der NATO übernommen. Erst 1994 wurde die Station dem italienischen Militär überführt.
Das erzählt uns Antonio Mazzeo am Freitagmorgen. Er ist Blogger und Journalist – bevorzugt schreibt er über die Militarisierung Lampedusas. Unter militärischen Gesichtspunkten waren Sizilien und Lampedusa schon immer bedeutsam. Und das Projekt Triton der Grenzschutzagentur Frontex ist eine Militäroperation, in dessen Rahmen Kriegstechnologien wie Schiffe, Flugzeuge, Patrouillenboote, Drohnen, Radar- und Satellitensysteme eingesetzt werden. Der Flughafen von Lampedusa wird bereits häufig für Militärflugzeuge und Hubschrauber genutzt. Diese Insel sei mit ihren Antennen, Radaren, Kasernen und Patrouillefahrzeugen mittlerweile völlig militarisiert, so Mazzeo.

Aufklärung in der Militärzone

Diese Militarisierung wird Mazzeo zufolge von der Regierung gerechtfertigt, indem unter anderem auf die Bedrohung durch ISIS hingewiesen wird. Der Journalist betont eindringlich, dass die Insel mittlerweile jederzeit für Kriegseinsätze gewappnet sei – besonders für einen elektronischen Krieg, wie er es nennt, da die Technologie alle erdenklichen Daten erfassen und verarbeiten, aber auch unterbinden und feindliche Technologien zum Stillstand bringen kann.

Links: Die Gruppe des Forums Controfrontiere. Links im Hintergrund: Der Radar der Station Loran C. Rechts im Hintergrund: Gestrandete Flüchtlingsschiffe. Inschrift auf dem Betonsockel im Vordergrund: "Gefahr - Hochspannung".
Links: Die Gruppe des Forums Controfrontiere. Links im Hintergrund: Der Radar der Station Loran C. Rechts im Hintergrund: Gestrandete Flüchtlingsschiffe. Inschrift auf dem Betonsockel im Vordergrund: „Gefahr – Hochspannung“.

Die Militarisierung, die er beschreibt, macht sich auch auf Sizilien bemerkbar: Das Satellitenkommunikationssystem MUOS (Mobile User Objective System) der US-Marine beispielsweise benötigt vier Bodenstationen – eine davon befindet sich in Niscemi auf Sizilien, eine im australischen Kojarena und mit Wahiawa auf Hawaii und Chesapeake in Virginia befinden die beiden weiteren Stationen in den USA. Die Bauarbeiten auf Sizilien wurden im Frühjahr 2013 aufgrund von Demonstrationen unterbrochen: Die Inselbewohner hatten befürchtet, die Radare und ihre elektromagnetischen Wellen könnten zu gesundheitlichen Risiken und Umweltschäden führen. Diese Befürchtungen wurden gerichtlich abgewiesen und im Herbst 2013 wurden die Arbeiten wieder aufgenommen. Vergangenes Jahr wurde das MUOS-System mit seiner Station in Niscemi fertig gestellt.
Dabei sind diese Bedenken der Inselbewohner gerechtfertigt und sie bereiten Antonio Mazzeo Magenschmerzen. Denn mittlerweile haben Untersuchungen ein erhöhtes Vorkommen von Krebserkrankungen in der Bevölkerung von Niscemi festgestellt. Auch auf Lampedusa und Linosa haben die Krebserkrankungen im Vergleich zum restlichen Sizilien beunruhigende Ausmaße angenommen. Auch hier befinden sich Radare.
Mazzeo wird in seinem Vortrag unterbrochen: Ein Militär-Jeep nährt sich. Ein Mann in Uniform steigt aus und macht uns darauf aufmerksam, dass wir uns hier nicht aufhalten sollten – die Strahlung sei gefährlich. Francesca, ein Mitglied von Askavusa, antwortet daraufhin ziemlich ruhig: „Genau das erklären wir hier gerade.“ Der Uniformierte nickt stumm, fährt davon, behält uns aber im Auge.

Gefahr für Mensch und Natur

Die Militarisierung und Absperrung weitläufiger Gebiete der Insel auf der einen und die Verharmlosung der Strahlung auf der anderen Seite seien ein gefährlicher Spagat, fährt Mazzeo fort. Die elektromagnetischen Wellen, die von der Militärbasis ausgestrahlt werden, können Krebs, Leukämie und weitere Krankheiten verursachen – ganz abgesehen von der Schädigung der Flora und Fauna: Die Radare auf Lampedusa befinden sich in einem Gebiet, das als Gebiet von gemeinschaftlicher Bedeutung (SIC) und als besonderes Schutzgebiet (ZPS) gekennzeichnet ist. In Niscemi befände sich die MOAS-Station ebenfalls im Naturschutzgebiet, so Mazzeo. Eine Lampedusianerin kritisiert daraufhin das Verhalten von Bürgermeisterin Giusi Nicolini, die sich vor ihrem Amtseintritt stark für den Artenschutz in bestimmten Gebieten auf Lampedusa eingesetzt habe. Mittlerweile würde sie leugnen, dass von der Strahlung Gefahren ausgehen.

Wir gehen zu Fuß weiter. Es ist der mit Abstand heißeste Tag seit meiner Ankunft. Auf einer niedrigen Mauer mache ich eine kurze Trinkpause und merke, wie mich eine junge, tunesische Journalistin fotografiert. Ich bin überrascht – protestiere aber nicht, da sie lächelt. Wenn Menschen freundlich sind, fällt es mir immer schwer, meine Unzufriedenheit kundzutun. Was sie mit den Fotos vorhat? Ob die anderen Menschen, die sie den Vormittag über fotografiert hat, überhaupt keine Schwierigkeiten damit haben? Ich nehme noch einen Schluck und gehe weiter.

Das Aufnahmenzentrum auf Lampedusa
Das Aufnahmenzentrum auf Lampedusa

Antonio Mazzeo erzählt unterwegs, wie die Militarisierung der Insel sich auch auf den Tourismus und das Fischereigewerbe ausgewirkt – und natürlich, wie sie den Empfang von Flüchtlingen prägt. Das Centro di Accoglienza sei vom Militär gezeichnet und nicht sonderlich gastfreundlich. Seit vergangener Woche sei es ein Hotspot, also ein Ort, an dem die Flüchtlinge registriert werden, wo Fingerabdrücke genommen werden und wo es eine erste Prüfung gibt, ob die Person Anrecht auf Asyl hat oder nicht.

„Danke, gut – und selbst?“

Zur Mittagszeit erreichen wir das Aufnahmezentrum. Dorthin führen zwei Wege: Der erste wird regelmäßig von Polizei und Militär kontrolliert. Wir wählen den Weg, der von oberhalb an den Zaun heranführt.
Im Innenhof des Zentrums befinden sich in diesem Moment etwa zwanzig Frauen, dreißig Kinder und etwa zehn junge Männer. Sie winken und lachen.
„Wie geht es euch?“ ruft ein Askavusa-Mitglied der Gruppe Männer zu.
„Danke, gut – und selbst?“ antwortet Peter aus Niger, der im Schneidersitz im Schatten sitzt. Eine Antwort, mit der keiner gerechnet hatte.
„Ja, auch. Danke. Habt ihr genug zu essen?“
„Ja, alles okay – das Essen ist in Ordnung“
„Wie lange seit ihr schon hier drin?“
„Seit einer Woche. Morgen geht es weiter“.
Diese Antwort zeigt uns, dass es sich bei den Flüchtlingen hier im Innenhof um die Gruppe handelt, die wir vergangene Woche im Hafen in Empfang genommen haben und auch, dass sie hier offensichtlich nicht länger als üblich bleiben müssen. Es freut mich zu sehen, dass zumindest die hier Anwesenden gesund sind und es ihnen gut geht – so gut es jemandem halt gehen kann, der aus einem Kriegsgebiet geflüchtet ist, tagelang auf dem offenen Wasser unterwegs war, vielleicht Geschwister verloren hat, sich in einem grauen Gebäude aufhalten muss, dass er nicht verlassen darf und vor einer ungewissen Zukunft steht.

Musik am Zaun: Das Forum Contrafrontiere will den Bewohnern des Aufnahmezentrums Mut machen.
Musik am Zaun: Das Forum Contrafrontiere will den Bewohnern des Aufnahmezentrums Mut machen.

Giacomo Sferlazzo nimmt am Zaun Platz. Er hat seine Gitarre dabei. Am Vortag hatten wir im Porto M den Entschluss gefasst, etwas zu musizieren und für gute Stimmung zu sorgen. Als Eisbrecher versucht er es mit einschlägig bekannten, italienischen Partisanenliedern. Die Kinder fangen an zu tanzen.
Eine junge Engländerin macht Giacomo darauf aufmerksam, dass diese Lieder vielleicht nicht ganz kindgerecht seien. Und wenn sie schon die Sprache nicht verstehen, sollten die Lieder doch wenigstens etwas fröhlicher klingen. Er kratzt sich am Bart und spielt sizilianische Kinderlieder – der Plan geht auf, die Stimmung steigt.
„Warum kommt ihr nicht rein? Das wäre doch viel lustiger“ ruft uns ein kleiner Junge zu. Wie Recht er hat.

Mittlerweile ist auch Wachpersonal dazugekommen – die dunkel gekleideten Männer stehen im Schatten und behalten und im Blick. Sie bleiben entspannt, bis sie die Kameras bemerken: Ein Paar aus Calais filmt den Vorgang mit Smartphones und Camcorder; die Uniformierten filmen zurück. Ich sage dem Paar, dass die Filmerei der einzige Punkt an unserem Vorhaben sei, der uns gegebenenfalls Ärger mit dem Personal des Zentrums bereiten könnte. Erstaunt schauen sie mich an und beenden ihre Aufnahmen.

Dies gilt nicht für die tunesische Journalistin, die nun die tanzenden Kinder hinter dem Zaun fotografiert. Sie gibt ihnen Anweisungen, wie sie sich positionieren sollen und ist sichtlich zufrieden. Seit unserer Ankunft fotografiert sie die Flüchtlinge im Innenhof. Ich bitte auch sie, die Aufnahmen zu unterlassen – diesmal geht es mir allerdings weniger um das Wachpersonal als um die Kinder. Mein Appell fruchtet nicht. „Diese Zustände müssen öffentlich gemacht werden“, entgegnet sie.
Dies ist ein interessanter Punkt: Ich erinnere mich daran, vor Jahren ein Seminar zum Thema Medienrecht besucht zu haben. Grundsätzlich nach dem Kunsturheberrechtsgesetz das Recht am eigenen Bild, das es verbietet, nach Lust und Laune Menschen zu fotografieren; bei Minderjährigen ist dies besonders heikel. Wenn es allerdings keine Ausnahmen von diesem Gesetz gäbe, müsste die mediale Berichtserstattung größtenteils ohne Bilder auskommen – und die streitbarste Ausnahme bilden wahrscheinlich Bilder, die für die Visualisierung der Zeitgeschichte erforderlich sind.
Über diese gesetzlichen Regelungen hinaus gibt es moralische Richtlinien, wie beispielsweise den Deutschen Pressekodex. Die Privatsphäre eines Menschen lässt sich demnach nur dann ausblenden, wenn das Informationsinteresse der Öffentlichkeit den Interessen der Betroffenen deutlich überwiegt. Die sogenannte identifizierende Berichterstattung lässt sich also nicht durch bloße Sensationsinteresse rechtfertigen.

Zwischen Sensation und Berichtserstattung

Ich betone noch einmal, dass mich der Vorgang an einen Zoobesuch erinnert und das Ganze irgendwie unanständig sei, doch letztlich kann ich sie nicht daran hindern, die Zeitgeschichte zu bebildern. Ich frage mich: Was zeigen diese Bilder tatsächlich? Dass Fotoapparate auch auf Kinder hinter Zäunen eine gewisse Faszination ausüben, sodass sie sich sorglos darüber freuen können, fotografiert zu werden? Dass Menschen auch dann noch lachen können, wenn ihre Freiheit extrem eingeschränkt ist? Oder letztlich, dass es hier einer Journalistin gelungen ist, ziemlich nah an einen Zaun in einer stark bewachten Gegend heranzutreten?

Giacomo spielt sein letztes Stück. Während seine Kollegen ein Banner mit der Beschriftung „No War – No Hotspot“ hochhalten, stimmt er noch einmal Non Ho Paura an. Dann machen wir uns auf den Rückweg.

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