Forum Controfrontiere

Am zweiten Tag des LampedusaInFestivals diskutierten im Forum Controfrontiere Gäste und Aktivisten unterschiedlicher Gruppen und Organisationen über Grenzen innerhalb und am Rand Europas sowie über Menschenrechte, die beim Schutz von Grenzen verletzt werden.

Kleidung, Gefäße, Bibeln: Im Porto M werden private Gegenstände von Flüchtlingen ausgestellt.
Kleidung, Gefäße, Bibeln: Im Porto M werden private Gegenstände von Flüchtlingen ausgestellt.

Der Donnerstag beginnt um 10.00 Uhr im Porto M, der Wirkungsstätte des Askavusa Collectivo. Mit einem Büro oder einem Tagungszentrum im konventionellen Sinne hat der Ort nicht viel gemein, doch in Bezug auf den thematischen Schwerpunkt des Tages könnte er treffender nicht sein. Der Raum, dessen hinterer Teil in einer Felsengrotte mündet, beheimatet eine Dauerausstellung verschiedener Objekte, die am Strand, in gestrandeten Booten oder in den Schiffen gefunden wurden, in denen Flüchtlinge nach Lampedusa gekommen sind. Es handelt sich um persönliche Gegenstände – von Kleidung über Töpfe und Trinkgefäße bis hin zu religiösen Schriften und Schmuck. Auf Beschriftungen und Beschreibungen der Gegenstände wird absichtlich verzichtet, wie auf einem Flyer von Askavusa steht: „Die Stücke ohne Beschriftung auszustellen ist kein neutraler Vorgang, sondern eine politische Entscheidung. Objektivität ist nicht unser Ziel. Unsere Erfahrung und unsere Wahrnehmung der Objekte ist immer vollständig subjektiv. Wir wollen Einstellungen verändern. Die Objekte unkommentiert lassen. Das selbe tun wir mit der Illusion der Kausalität“. Die Ausstellung der Objekte soll die
Besitzer „am Leben erhalten“.

Versammlung in der Grotte

Der Ort zieht die Besucher in ihren Bann. Viele Gäste kommen bereits seit Jahren zu dem vollständig kostenlosen Festival und kommen gerne wieder. Andere sind aus Neugier und Interesse aus ganz Italien, Belgien und Frankreich gekommen. Neben dem Rednerpult – einem umgestülpten Pappkarton, auf dem ein Appel-MacBook platziert ist – werden die Gäste, die kein Italienisch verstehen, mit Kopfhörern verkabelt. Mitglieder von Askavusa wechseln sich ab, um simultan auf Englisch zu dolmetschen. Eine tunesische Journalistin und ein Journalist aus Norwegen nehmen neben einigen Vertretern französischer Organisationen Platz.

Etwa die Hälfte der 45 Teilnehmer besteht aus Mitgliedern der einzelnen Gruppen, die sich und ihre Projekte an diesem Vormittag vorstellen wollen. Den Anfang machen No Border Ventimiglia – eine sehr junge Bewegung, die erst seit Juni dieses Jahres besteht. Auslöser dafür war ein Migrant, der in der Stadt an der französisch-italienischen Grenze eine steile Felswand emporkletterte, um einer Verhaftung und möglichen Abschiebung zu entgehen. Seitdem besteht in Ventimiglia ein Camp, das Migranten, Flüchtlingen und politischen Aktivisten eine Anlauf- und Beratungsstelle bietet.

Auch die Mitglieder von No Border Calais haben ein Camp errichtet und setzen sich für die Wohnungspolitik in der französisch-englischen Grenzstadt ein. Viele Migranten stecken hier oft monatelang in Frankreich fest, ohne eine feste Unterkunft. Bei dem Versuch den Eurotunnel zu durchqueren sind nach Angaben eines französischen Vertreters der Organisation seit Juni 13 dieses Jahres Menschen ums Leben gekommen.

Todesursachen von Flüchtlingen (bis zum Jahr 2012). Legende v.o.n.u.: 1) Ertrinken, 2) Selbstmord, 3) Ersticken, 4) Verhungern oder Verdursten, 5) Brandstiftung, Mord und mangelnde Versorgung, 6) Vergiftet, Minenfeld, Unfälle, Sonstiges
Todesursachen von Flüchtlingen (bis zum Jahr 2012). Legende v.o.n.u.: 1) Ertrinken, 2) Selbstmord, 3) Ersticken, 4) Verhungern oder Verdursten, 5) Brandstiftung, Mord und mangelnde Versorgung, 6) Vergiftet, Minenfeld, Unfälle, Sonstiges

An diesem Vormittag werden viele ähnliche Situationen beschrieben. Von mehreren Gruppenvertreterinnen- und Vertretern und Gästen werden wiederholt die beiden spanischen Exklaven Melilla und Ceuta erwähnt, die sich in Marokko befinden. Die Städte sind von Zäunen umgeben, drei Meter hoch. Dahinter: Mit Glasscherben gefüllte Gruben, ebenfalls drei Meter tief – dazu sind sie mit Tränengasanlagen und Kameras ausgestattet. (Lesetipp zum Thema: Menschenrechtsverletzungen an den Außengrenzen der Europäischen Union von Barbara Lochbihler).
Die Repräsentantinnen und Repräsentanten sind sich einig: Eine neue Politik muss her, die das Dublin-Abkommen überwindet und sowohl Kriegsflüchtlingen wie auch Arbeitssuchende, die aus kritischen Situationen kommen, eine Möglichkeit bietet, Europa zu erreichen, ohne auf illegale, gefährliche und noch dazu teure Fahrten zurückgreifen zu müssen.
Vor der Pause macht Luca, einer der Moderatoren von Askavusa, auf eine Landkarte aufmerksam, die in einem unbeleuchteten Winkel des Raumes angebracht ist: Sie zeigt die Todesursachen von Flüchtlingen an unterschiedlichen Orten innerhalb und außerhalb Europas auf. Vor allem veranschaulicht sie, dass ein Großteil der Suizidfälle in Großbritannien und Deutschland stattfanden – die Karte stammt aus dem Jahr 2012.

Die Situation im Aufnahmenzentrum

Nach der Siesta trifft sich das Anti-Grenz-Forum um 15.00 Uhr erneut. Diesmal steht vor allem Kritik an der Arbeit und der intransparenten Kommunikation des Aufnahmezentrums im Vordergrund. Ein Lampedusianer erzählt, seit der Eröffnung des Zentrums seien 30 Menschen darin gestorben – dies müsse in der Öffentlichkeit thematisiert werden.

Versammlung im Porto M. Foto: LampedusaInFestival (Facebook)
Versammlung im Porto M. Foto: LampedusaInFestival (Facebook)

Die Zustände im Aufnahmezentrum auf Lampedusa erlangten besonders im Winter 2013 große mediale Öffentlichkeit: Bilder wurden veröffentlicht, die Migranten zeigten, die sich in der Kälte nackt an einer Wand aufstellten mussten, um dort mit einem Mittel gegen Krätze abgespritzt zu werden. Bürgermeisterin Giusi Nicolini machte damals das Innenministerium in Rom für die Situation verantwortlich, wählte drastische Worte und sprach von „KZ-ähnlicher“ Behandlung.
An diesem Nachmittag nennen die Besucher noch viele weitere Beispiele für die inakzeptablen Zustände im Centro di Accoglienza: Offiziell sollen Neuankömmlinge sich lediglich bis zu 48 Stunden darin aufhalten, der Regelfall seien – den Erfahrungen und Informationen verschiedener Teilnehmer zufolge – eine bis zwei Wochen. Manche blieben auch Monate lang dort.
Auch haben alle Anwesenden bereits davon gehört, dass die Unterbringung im Zentrum mehr als zu Wünschen übrig lässt. Es ist für etwa 380 Menschen gedacht, doch häufig halten sich darin sehr viel mehr Menschen auf. Die Zahlen, die im Rahmen der Diskussion genannt werden, variieren. Informationen von Amnesty International zufolge befanden sich im Mai dieses Jahres 1.400 Menschen darin.

Die Empörung und Unzufriedenheit in der Tagungsgrotte nimmt zu – Giacomo Sferlazzo bemüht sich darum, mit den Teilnehmern nun einen Plan für das weitere Vorgehen zu entwickeln.
Ein Aktivist aus Calais schlägt darauf vor, das Zentrum aufzusuchen und zu versuchen, mit den Menschen im Inneren zu reden. Giacomo weist darauf hin, dass dies zu Konflikten mit dem Wachpersonal führen könnte und daher eine klare Vorgehensweise und ein Plan erforderlich seien. Nach einer langen Diskussion steht dieser Plan fest: Die Aktion am Zentrum soll vor allem als Symbol dienen. Dem Personal soll gezeigt werden, dass sich auch außerhalb von Askavusa viele andere Gruppen und Einzelpersonen für die Zustände im Zentrum interessieren und mit militärischen Maßnahmen nicht einverstanden sind. Darauf soll ein Banner hinweisen. Den Flüchtlingen im Zentrum soll Solidarität signalisiert werden. Am Schluss einigt sich die Gruppe darauf, am nächsten Vormittag am Zaun des Aufnahmezentrums Musik zu spielen und zu versuchen, zu den Menschen im Zentrum Kontakt aufzunehmen und ihnen Mut zu machen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.