LampedusaInFestival: Tag 1

Vom 23. bis zum 26. September 2015 findet auf Lampedusa zum siebten Mal das LampedusaInFestival statt. Den Auftakt machte Mitveranstalter Giacomo Sferlazzo am Mittwochabend mit einem Konzert.

In diesem Jahr bricht das LampedusaInFestival mit einer Tradition: In den Vorjahren fokussierten sich die Veranstalter darauf, innerhalb weniger Tagen die Arbeit eines gesamten Jahres vorzustellen. Im Zentrum der Veranstaltung stand ein Filmwettbewerb. Einer Pressemeldung des LampedusaInFestival zufolge sollte die „Wettbewerb- Jury- und Prämienlogik“ aufgegeben werden, um stattdessen „eine politische und kulturelle Aktivität für Lampedusa und Linosa vorzuschlagen“, wodurch die Inselbewohner das gesamte Jahr über durch Austausch-, Lern- und Dialogprozessen miteinbezogen werden sollen. Das Festival soll ein Ort und Moment von Analyse und Austausch über Fragen politischer Aktualität darstellen.

Festival-Banner im Hafen: "Kleines Festival über Gemeinschaft, Migration, Kampf, Nachhaltigen Tourismus und Geschichten des Meeres"
Festival-Banner im Hafen: „Kleines Festival über Gemeinschaft, Migration, Kampf, Nachhaltigen Tourismus und Geschichten des Meeres“

Veranstaltet wird das Festival vom Collectivo Askavusa (lampedusischer Dialekt für Barfuss). Die Gruppe gründete sich 2009 als Reaktion auf die damals beginnende Militarisierung der Insel, worauf in einem späteren Blogeintrag näher eingegangen wird. Lampedusa wurde sich in dieser Zeit seiner politischen Rolle bewusst. Mit dem Ziel, einen nachhaltigen, neuen Tourismus zu fördern und politisch wie kulturell aktiver zu werden, gründete sich Askavusa. Die Mitglieder stellen darüber hinaus den Anspruch an sich selbst, investigativ tätig zu sein und die Ursachen und Folgen der Migrationsströme im Mittelmeerraum ausfindig zu machen.
Einiger Mitglieder von Askavusa sind gut mit meinen beiden Kollegen befreundet – sie haben schon viele Projekte gemeinsam organisiert.

Einer der Hauptinitatoren des Festivals ist Giacomo Sferlazzo – ein subversiver Künstler, ein Kenner der Insel und ein brennender Idealist mit klarem Kopf und wildem Blick. Seit vielen Jahren ist er sowohl als politischer Aktivist bei Askavusa als auch als Musiker, Filmemacher und Maler auf Lampedusa tätig. Das LampedusaInFestival eröffnet er mit einem musikalischen Beitrag; seinem Auszug aus seinem sogenannten Spettacolo. Hier erzählt er die Geschichte Lampedusas – von Seeräuberangriffen in der ersten Hälfte des 8. Jahrhunderts bis zu der politischen Bedeutung der Insel für die Gegenwart.
Zwischen den Liedern erzählt er Geschichten, Anekdoten, Nachdenkliches und Skurilles.

Spektakel zum Festival-Auftakt: Giacomo Sferlazzo (l.) und Andrea Marino
Spektakel zum Festival-Auftakt: Giacomo Sferlazzo (l.) und Andrea Marino

Ort des Geschehens ist die Wallfahrtsstätte Santuario di Nostra Signora. Mit der barocken Kirche im Rücken und von Felsen und Pflanzen umgeben spielt der Universalkünstler eine knappe Stunde lang ein verkürztes Repertoire – er hat heute nur 40 Minuten Zeit. Dafür erhalten seine Stimme und seine Gitarre heute Unterstützung von Andrea Marino am Kontrabass. In einem Stück kommt zu meiner großen Freude ein Kazoo zum Einsatz, das bei zwei Besuchern zu spontanen Tanzausbrüchen und bei allen anderen zu großer Verwirrung führt. Doch das Publikum lässt sich nicht verschrecken und will die Musiker nach dem letzten Stück nicht gehen lassen. Vier „L’Ultima“s später beugt sich Giacomo zögernd zu seinem Mikrofon vor und sagt leise: „Also, wenn es euch so gut gefällt könnte man ja im Porto M…“ – Jubel schneidet seine Ansage ab. Der Platz vor der Kirche leert sich und etwa 30 der Besucher machen sich auf den Weg zum Porto M, dem Hauptquartier von Askavusa im Hafen.

Um 22.00 Uhr spielen die beiden Musiker also erneut – diesmal nicht mit barocker Kirche im Hintergrund, sondern vor dem Mast eines Segelbootes, das gemütlich vor sich hin schaukelt.
Ein Stück wird von dem Lärm eines Militärhubschraubers unterbrochen, der dicht über uns hinweg fliegt. Allerdings ist dieser nicht wirklich als Störung zu verstehen – viel mehr unterstreicht er die politische Wichtigkeit der Lieder und verdeutlicht, dass es sich hierbei eben  nicht nur um Geschichten handelt.

Das letzte Stück beeindruckt mich besonders. Es trägt den Titel „Non ho Paura“ („Ich habe keine Angst“). Der Text lässt sich in italienischer Sprache auf der Website von Giacomo Sferlazzo aufrufen – hier eine Übersetzung:

Ich habe keine Angst

Ob deine Augen grün sind oder blau,

ob du zu Mohammed oder Jesus betest:

Wir kommen aus der gleichen Kraft,

die den Wind antreibt und die Sonne brennen lässt.

Wir sind der gleiche Staub,

der das Universum in Erwartung nach Liebe durchstreift.

Ob du aus dem Norden oder aus dem Süden kommst,

ob du Französisich oder Hindu sprichst:

Wir atmen die gleiche Luft ein,

das gleiche Gas, die gleichen Düfte

Wir kämpfen gegen das gleiche System,

das im Namen des Geldes bereit zu foltern ist.
Ich habe keine Angst
Ich möchte mehr über dich erfahren, über dein Haus der Revolution:

Wie es kam, dass jemand nicht wollte, dass du auf die Straße gehst?

Wie kam es, dass das Fernsehen Menschen erschreckte,

die sich in ihren Häusern eingeschlossen hatten?

Ich sah dich auf dem Feld, schwitzend und ohne Recht auf Arbeit

und ich sah wie jemand das Schreckgespenst der Invasion beschwor

und wie jemand anderes schrie: Erschießen ist die Lösung.

 

Ich habe keine Angst.

 

Ich sah viele Lampedusianer, die mitten in der Hölle menschlich blieben –

Mitten in der Stille unserer Regierung, die schamlos ist und böse Absichten hat.

Die vergisst, dass das Mittelmeer auch ein unglaubliches Meer ist, ein Meer der Liebe.

Wieviel ist das Leben eines Menschen wert

und wie viel die Menschenwürde?

Wenn die Tragödien eintreten, die sie selber erschaffen haben,

sieht man sie mit Flaggen, mit denen sie denjenigen Tribut zollen, die sie selbst verurteilt haben.
Ich habe keine Angst

 

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