Ankunft in Europa

18. September: 255 Flüchtlinge erreichen den Hafen von Lampedusa. Normalerweise liegt der Fokus der Arbeit von Mediterranen Hope auf der Berichtserstattung, doch in Fällen wie diesem sind die Mitarbeiter des Projekts zur Unterstützung vor Ort.

Die Rettung und Verpflegung sowie alle weiteren logistischen und bürokratischen Maßnahmen verlaufen routiniert; Mediterranean Hope ist in diese Abläufe nicht involviert. Allerdings haben die Mitarbeiter gute Verbindungen zur örtlichen Küstenwache und weiteren Behörden, sodass sie mittlerweile den Militärhafen betreten dürfen – das ist erst seit einigen Monaten der Fall. Bei Aktionen wie dieser nimmt Mediterranean Hope es sich zur Aufgabe, die Neuankömmlinge auf ihrem Weg zwischen Boot und Bus mit Grußworten, Tee und Schoko-Croissants zu versorgen. Bewaffnete Polizisten und Ärzte sollen schließlich nicht ihre ersten Eindrücke von Europa sein.

Grenzenlose Vielfalt, alle Farben erwünscht: Die Inselbewohner haben am Einganz zum Militärhafen ein klares Statement gesetzt.
Grenzenlose Vielfalt, alle Farben erwünscht: Die Inselbewohner haben am Einganz zum Militärhafen ein klares Statement gesetzt.

Als ich den Militärhafen um 7.30 Uhr erreiche sieht es hier noch erstaunlich unaufgeregt auf. Ein paar Mitarbeiter der Küstenwache sitzen auf einer Mauer und rauchen. Meine Mitarbeiter erscheinen zehn Minuten später – in einem Auto voller Kleidung, die wir am Abend zuvor organisiert hatten und mit mehreren Kanistern Tee.

"Schwarzes Vergnügen": Kaffeewerbung im Hafen
„Schwarzes Vergnügen“: Kaffeewerbung im Hafen – kein Kommentar.

Wir besprechen uns kurz mit der Küstenwache und trinken im Hafen-Café einen Espresso. Dabei belauschen wir ein Gespräch zwischen zwei Kapitänen und einem norditalienischen Touristenpaar: Natürlich muss man Flüchtlingen helfen, also… den echten! Aber die Wirtschaftsflüchtlinge, die hier über das Meer ankommen – die müssten umgehend wieder zurückgebracht werden; die könne Italien nicht gebrauchen. Das Paar stimmt lautstark zu. Besorgte Bürger gibt es auch hier.

Wir hängen uns Schilder um, die uns als Mitglieder des Forum Lampedusa Solidale kennzeichnen – dazu gehören neben uns Freiwillige verschiedener Organisationen. An diesem Morgen werden wir von einem jungen Geschwisterpaar unterstützt, das hier Urlaub macht, von uns gehört hat und sich nützlich machen will. Insgesamt sind wir zu siebt.

Ab 9.00 Uhr füllt sich der Militärhafen: Neben der Polizei, der Küstenwache und einigen Krankenwagen sind auch Mitarbeiter des Roten Kreuzes, von UNHCR und Médecins Sans Frontières vertreten. Vier Abgeordnete des Europäischen Parlaments verschaffen sich einen Eindruck der Situation. Die erste ist Anna Maria Corazza Bildt, eine schwedische Christdemokratin. An ihrem T-Shirt trägt sie einen Button: Je suis Migrante.
Eine argentinische Politikerin erzählt uns, wie sie und die anderen Abgeordneten mit einem Hubschrauber zu einem Schiff der Marine geflogen wurden und von dort aus weiter zum Schiff von MOAS gebracht wurden.

MOAS steht für Migrant Offshore Aid Station und ist eine registrierte gemeinnützige Stiftung aus Malta, die von dem Amerikaner Christopher Catrambone und der Italienerin Regina Catrambone gegründet wurde. Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, Flüchtlingen zu helfen, die in Seenot geraten sind. Ihnen gehören ein Schiff – die Phoenix – und zwei ferngesteuerte Camcopter. Zu ihrer Besatzung gehören Mitarbeiter von Médecins Sans Frontières. An diesem Morgen arbeiten sie mit Sea-Watch zusammen einer privaten Initiative mehrerer Familien aus Brandenburg. Seit Juni ist die Crew mit einem eigens umgebauten Schiff ebenfalls im Mittelmeer unterwegs um Leben zu retten.

Menschen schützen, keine Grenzen

Während wir auf die Ankunft der Schiffe warten kommen ein Reporter und ein Kameramann auf uns zu, die eine Umfrage für das Europäische Parlament machen. Marta erzählt ihnen von ihrer Arbeit und ihrer Meinung zu unterschiedlichen Aspekten der europäischen Flüchtlingspolitik. Als der Reporter erfährt, dass ich aus Deutschland bin, wechselt er ins Englische und fragt mich, ob die Deutschen denn ihre gesamte Aufmerksamkeit in Bezug auf Flüchtlinge derzeit auf Lampedusa richten. Da ich den ganzen Morgen über Italienisch gedacht habe, verneine ich in bestem Werner-Herzog-Englisch und weise stammelnd darauf hin, dass die mediale Öffentlichkeit im Moment vor allem Ungarn und Österreich gilt. Der Reporter will von mir in einem Satz hören, was Europa jetzt tun muss. Ich schließe halbwegs medienwirksam mit der Forderung, man müsse Menschen schützen, keine Grenzen. Naja.

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Um 9.30 Uhr erscheint Giusi Nicolini. Seit Mai 2012 ist sie Bürgermeisterin der Inseln Lampedusa und Linosa gewählt. Über sie habe ich bereits viel gelesen: Vor ihrem Amtseintritt hatte sie sich viele Jahre für den Umweltschutz engagiert, war Mitglied in der kommunistischen Jugend und in ihrer Heimat Lampedusa nicht immer populär – sie war bereits Brandanschlägen ausgesetzt. Kurz nach ihrem Amtsantritt schrieb sie einen offenen Brief, in dem sie die EU-Flüchtlingspolitik anklagte: „Und so bin ich immer mehr davon überzeugt, dass die europäische Flüchtlingspolitik diese Opfer in Kauf nimmt, um die Immigration zu kontrollieren, womöglich sogar um abzuschrecken. Für die Menschen, die mit dem Schiff nach Lampedusa aufbrachen, war die Reise ihre letzte Hoffnung. Ihr Tod ist für Europa eine Schande.“ Wenn Flüchtlinge auf Lampedusa ankommen ist sie im Hafen vor Ort.

Um 9.45 Uhr kommt das erste Schiff an. 131 Menschen, die von der italienischen Fregatte Aliseo gerettet wurden. 45 Minuten später erreicht ein zweites Schiff mit 124 Menschen den Hafen. Sie waren in Seenot geraten und wurden gemeinsam von Sea-Watch und MOAS aufgesammelt und nach Lampedusa gebracht.

Ankunft nach zwei Tagen auf dem Meer

Die Geretteten sind müde. Manche winken, einige lächeln. Sie sind erschöpft, nachdem sie zwei Tage lang auf dem offenen Meer unterwegs waren. Sie tragen weiße Overalls und alle die gleichen, grauen Stricksocken. Schuhe besitzt keiner, manche betreten barfuß europäischen Boden. Einige haben Turnbeutel dabei. Darin befinden sich vor allem Decken.

Die Ankunft verläuft professionell und routiniert. Sowohl die Ärzte als auch die Mitarbeiter der Küstenwache sprechen fließend Französisch und Englisch, viele Arabisch. Die ersten hundert Personen werden direkt zum Bus geführt, der sie ins Centro Accoglienza bringt; ins Auffanglager.
Andere werden medizinisch versorgt. Einige halten sich an Mitarbeitern verschiedener Organisationen fest. Eine Frau wird an uns vorbei in den Krankenwagen getragen. Später erfahren wir, dass eine Frau die Überfahrt nicht überlebt hat. Sie hat einen Bruder und eine jüngere Schwester, die mit ihr auf dem Boot waren.

Die Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Organisationen gehen ihren Aufgaben nach und arbeiten sozusagen Hand in Hand. Abseits stehen drei Mitarbeiter von FRONTEX. Sie beobachten. Wie immer.
Unsere Aufgabe besteht daraus, Tee in Plastikbecher abzufüllen und jedem, der vom Boot aus zum Bus geht, ein Getränk und etwas zu essen zu reichen. Müde nehmen die meisten den Becher an, nicken schweigend und heben kraftlos eine Hand zum Dank. Es sind größtenteils Männer, nur zwanzig Frauen waren an Bord. Am Vorabend sind wir außerdem von einhundert Kindern ausgegangen; es sind letztlich nur drei. Sie sind gesund.

Zwischen Erleichterung und Trauma

Viele der Neuankömmlinge sind erleichtert, dass sie es geschafft haben. Sie lachen und reden kurz mit uns – so wie es auch in deutschen Zeitungen oft zu sehen ist. Journalisten scheinen Bilder dieser Art zu lieben. Allerdings sieht es nicht immer so aus. Ich sehe viele völlig entkräftete Menschen, einige stark verletzt. Von Schlägen und Stichwunden, wie MOAS später twittert.
Eine junge Frau sieht mich ratlos an, als ich ihr Tee reichen will. Sie ist traumatisiert, schüttelt letztlich den Kopf und reiht sich stumm in die Schlange zum Bus ein. Ich schäme mich dafür, für einen Moment naiv geglaubt zu haben, Tee und Schoko-Croissants könnte sie und ihre Mitreisenden von dem Elend ablenken, dass sie erlebt haben.

Mit der Ankunft des zweiten Schiffes muss vieles umorganisiert werden. Marta fährt los, um neue Crossaints und Wasserflaschen zu kaufen. An diesem Vormittag weht kein Wind, es sind etwa 40 Grad. Die Busse sind alle unterwegs, die Flüchtlinge werden vorerst in den Schatten gebracht. Eine britische Journalistin der Sunday Times fragt einen jungen Mann, wie lange er in Libyen war. Sieben Monate. Wie er dort hingekommen sei, fragt sie. Er erinnert sich nicht.

V.l.n.r.: Ich, Pfarrer Mimmo Zambito, Regina Catrambone, Paola La Rosa und Marta Bernardini (Foto: MOAS)
V.l.n.r.: Blog-Auto Simon Albers, Pfarrer Mimmo Zambito, Regina Catrambone, Paola La Rosa und Marta Bernardini (Foto: MOAS)

Eine Stunde nach Ankunft des zweiten Schiffs sind alle Menschen versorgt. Wir verladen die Kartons mit der gesammelten Kleidung gemeinsam mit Mitarbeitern der Küstenwache. Regina Catrambone von MOAS ist begeistert von den zahlreichen Spenden und strahlt.
Ein Marinetaucher schält sich – nach wahrscheinlich stundenlangem Einsatz – komplett nassgeschwitzt aus seinem Neoprenanzug. Er erfragt sich von einem Sanitäter eine Zigarette, setzt sich auf die Hafenmauer und starrt aufs Wasser. Aufgrund des Todesfalls müssen wir den Hafen verlassen und sollen später wiederkommen, um unsere Sachen zu holen. Wir trinken einen weiteren Espresso im Hafen-Café.

Eine halbe Stunde später kehren wir zurück, packen ein und fahren zurück ins Büro.

 

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