Ein ganz normaler Arbeitstag

Die Arbeit bei Mediterranean Hope ist ziemlich turbulent. Feste Arbeitszeiten gibt es hier nicht, die Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit sind fließend. Da ein Tag hier selten dem anderen ähnelt, möchte ich heute exemplarisch für einen ganz normalen Arbeitstag den vergangenen Donnerstag beschreiben.

Das Büro von Mediterranean Hope in der Via Pirandello in Lampedusa
Das Büro von Mediterranean Hope in der Via Pirandello in Lampedusa

9.30 Uhr | Ankunft im Büro. Momentan arbeite ich mit Marta Bernardini und Alberto Mallardo zusammen. Ihr Chef ist derzeit in Marokko. Paolo Naso beschäftigt sich dort mit der Schaffung legaler Reisewege von Afrika nach Europa. Flüchtlinge sollen über die italienische Botschaft in Marokko Reisedokumente erhalten, die ihnen eine legale Überfahrt und somit Sicherheit gewährleisten sollen. Hier angekommen sollen sie Asyl beantragen können. Mediterranean Hope vertritt die Meinung, dass die sogenannten humanitären Korridore die kriminellen Handlungen von Schleppern beenden können.
Dies ist ein Gegenmodell zur EU-Mission EU NAVFOR Med. (European Union Naval Force – Mediterranean). Hierzu recherchiere ich, da Mediterranean Hope beabsichtigt, eine offizielle Stellung zu der Mission zu formulieren.

EU NAVFOR Med.

Seit Juni nehmen zwei Kriegsschiffe der Bundeswehr an der Mission im Mittelmeer teil; die Fregatte Schleswig-Holstein und das Versorgungsschiff Werra mit einer aktuellen Besatzung von insgesamt 317 Marinesoldaten. Sie befinden sich in der ersten Phase: Durch den Einsatz von Drohnen, Satelliten und mit den Mitteln der Geheimdienste sollen Informationen über die Schleppernetzwerke gewonnen werden. Ziel der der zweiten Phase ist es der Bundeswehr zufolge, „die Boote von Schleppern zu suchen, aufzubringen und zu beschlagnahmen“. Weniger blumig formuliert bedeutet die Beschlagnahmung aber auch eine Zerstörung der Schleuserboote, solange diese noch in Libyen ankern. Für den Einsatz der Bundeswehr in der zweiten Phase ist ein Bundestagsmandat erforderlich, da hier bewaffnete Soldaten zum Einsatz kommen sollen. Die Seenotrettung im Mittelmeer soll nach Beschlüssen der EU die Grenzschutzagentur Frontex die  übernehmen. In einem Positionspapier betont das Forum Menschenrechte, Frontex sei hierfür kein geeigneter Akteur und verweist auf eine Aussage von Frontex-Direktor Fabrice Leggeri: „In unserem Einsatz sind keine aktiven Such -und Rettungsmaßnahmen vorgesehen. Das ist nicht Teil des Mandats von Frontex und das ist nach meinem Verständnis auch nicht Teil des Mandats der Europäischen Union.“
Bundesaußenminister Steinmeier betont derzeit, es gehe darum, „die Rettung auf See nachhaltig zu verstärken und gleichzeitig das Geschäftsmodell skrupelloser Schleuser kaputt zu machen“ – doch es ist unwahrscheinlich, dass Militäroperationen das Elend der Flüchtlinge mindern. Die Flüchtlingskommission der Vereinten Nationen UNHCR veranschaulicht anhand eines vielsagenden Schaubildes, dass trotz Militäraktionen in diesem Jahr bereits 2.800 Menschen an Europas Außengrenzen ums Leben gekommen sind. Die zweite Phase von EU NAVFOR Med. wird weitere Menschenleben gefährden. Daher berät das Parlament am 24. September über die Mission.

Notruf per Facebook

11.30 Uhr | Plötzlich herrscht Aufregung im Büro: Über Facebook wurde Mediterranean Hope ein Screenshot einer Nachricht zugeschickt, den eine Frau auf der Pinnwand ihres Profils veröffentlich hatte. Unter dem Titel „Urgent SOS“ berichtet sie von 40 Personen, die dringend aus dem Meer gerettet werden müssen – darunter sollen sich auch viele Kinder befinden. Der Hinweis kam über einen Freund eines Freundes von Alberto und Marta. Dieser Freund ist wiederum mit der Frau befreundet, die den Hilferuf formuliert hat. Alberto telefoniert also eine Weile, bis er die Telefonnummer der Frau herausbekommen hat, die allerdings momentan nicht telefonisch erreichbar ist. Er kontaktiert die Küstenwache und gibt die dürftige Information weiter. Anschließend ruft er die zuständigen Ämter in Palermo und Rom an.
Dann ruft die Verfasserin der Nachricht zurück: Alle Menschen sind in Sicherheit und wurden Griechenland aufgenommen wurden.

14.00 Uhr | Siesta. Ich gehe im Meer schwimmen.

16.00 Uhr | Ich beende meine Recherchen, leite sie weiter und beginne damit, mein Blog einzurichten.

17.00 Uhr | Ein italienisches Touristenpaar kommt ins Büro und möchte mehr über die Arbeit von Meditarranean Hope erfahren. Solche Termine sind häufig und die Organisation informiert gerne: In Italien gibt es die Steuer Otto per Mille, bei der die Steuerpflichtigen selbst wählen können, welcher Institution ihre Abgabe zugutekommen soll. Über diesen Fond wird die italienische Waldenserkirche finanziert und somit auch das Projekt Mediterranean Hope.
Im Verlauf des Gesprächs erzählt Marta, dass das Meer zurzeit sehr ruhig sei – sie geht daher davon aus, dass in den nächsten Tagen neue Flüchtlinge per Schiff nach Lampedusa kommen werden.

18.00 Uhr | Wir fahren gemeinsam zum Friedhof von Lampedusa. Hier treffen wir Paola, eine Freundin meiner Kollegen. Sie ist mit der Geschichte der Insel vertraut und will den Touristen die Flüchtlingsgräber zeigen. Sie gibt dem Paar, uns und fünf Helfern, die für verschiedene Organisationen auf Lampedusa arbeiten, eine Friedhofsführung. Auf dem Friedhof liegen knapp 30 Flüchtlinge begraben, die auf ihrem Weg über das Meer nach Italien ums Leben gekommen sind. Da sich viele von ihnen nicht identifizieren lassen, wurden die meisten von ihnen anonym beerdigt. Die Leichname der meisten Flüchtlinge werden nach Sizilien gebracht. Die wenigen, die hier liegen, ruhen zwischen den prunkvollen Familiengruften und bunten Fotografien in Marmoroptik, von denen die Konterfeis verstorbener Italiener als epitaphisches Kaleidoskop durch die Gänge flimmern. Die Flüchtlingsgräber hingegen sind sehr schlicht: Meistens sind es provisorisch zusammengezimmerte Holzkreuze oder schmucklose Grabplatten mit Plastikblumen. Auf ihnen ist das Todesdatum zu lesen. Eine kurze Beschreibung der Geschehnisse. Dann die Angaben zur Person, die beispielsweise so aussehen: „Begraben wurde eine Frau. Wahrscheinlich subsaharianisch. Hier ruht sie.“ Um die Instandhaltung der Gräber kümmert sich die Gemeinde.

Santuario di Nostra Signora
Santuario di Nostra Signora

19.00 Uhr | Anschließend fahren meine Kollegen und ich zur Wallfahrtsstätte Santuario di Nostra Signora. Hierbei handelt es sich um eine Barockkirche, die sich zwischen riesigen Felsen, Grotten und allerlei botanischen Eigenarten befindet. Besonders der Panoramablick über das Meer ist erstaunlich. Marta und Alberto planen mit dem Pfarrer einige Details bezüglich der Gedenkfeier, die am dritten Oktober stattfinden soll. Hierauf werde ich in einem weiteren Eintrag noch ausführlich zu sprechen kommen.
Während die drei mit dem Soundcheck beschäftigt sind, sehe mich hier etwas um und lese die Tafeln. Sie erzählen viele wahre und zahlreiche vermutlich nicht ganz so wahre Geschichten über den Ort.

20.30 Uhr | Wir fahren zum Hafen, um mit Freunden von Alberto und Marta essen zu gehen. Mein vegane Ernährung lässt auch heute wieder die Kellnerinnen und Kellner verzweifeln: Nein, gar keine tierischen Produkte. Keinen Käse. Ja, ich weiß, dass der lecker ist. Ja, ganz sicher. Nein, auch keinen Fisch. Ja. Ich nehme Pommes.

21.45 Uhr | Alberto erhält einen Anruf: Am nächsten Morgen um 8.00 Uhr soll ein Schiff mit Flüchtlingen ankommen. Details gibt es kaum, auch keine Angaben über die genaue Anzahl – nur, dass sich darunter etwa einhundert Kinder befinden sollen. Wir bezahlen.
Anschließend trinken wir im Café Porto noch einen Espresso im Stehen; der Arbeitstag ist noch nicht vorbei. Von wem er die Informationen hat, möchte ich von Alberto wissen. Er atmet geräuschvoll ein, gestikuliert wild und lacht: „Von… Freunden!“. Wir fahren in die Stadt, um Kleidung für hundert Kinder zu organisieren. Ich steige ein und hinterfrage nicht, wie sie das anstellen wollen. Ich tippe auf Freunde.

Gesammelte Kleidung für die Neuankömmlinge
Gesammelte Kleidung für die Neuankömmlinge

22.15 Uhr | Wir treffen uns mit Signoria Villa, die für die Kirche arbeitet. Sie wurde mir vor einigen Tagen bereits als Institution vorgestellt. Und tatsächlich wird mir schnell bewusst, wie sie sich diese Auszeichnung erarbeitet hat: Sie organisiert aus ganz Italien Kleidung, Spielzeug und Hygieneartikel, sortiert sie fachmännisch und hortet sie in ihrem Magazzino – einem Lagerraum, den die Kirche zur Verfügung stellt. Hier lagert genug Kleidung, um schnell mehr als hundert Menschen einzukleiden. Der Raum ist voll mit Kartons. Die meisten davon sind exakt beschriftet: Die Kartons mit Bimbi enthalten offensichtlich Kinderkleidung und müssen nicht mehr kontrolliert werden; ich verstaue sie im Auto. Ebenso tütenweise eingeschweißte Unterwäsche. Einen Karton Männerjeans stellen wir selber zusammen: Zuerst wird der Zustand und dann die Größe kontrolliert. Villa flucht leise: „Die ursprünglichen Besitzer waren klein und zu dick“. Wir werden trotzdem fündig. Zuletzt werden die Hosen aussortiert, die besonders schwer sind; Quantität ist in diesem Fall wichtig. So muss eine beige Breitcord-Cargohose leider im Lager bleiben. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ästhetische Gründe bei Villas Entscheidung keine Rolle gespielt haben.

23.30 | Uhr Das Auto ist voll. Meine Kollegen fahren mich zu meiner Wohnung. Am nächsten Morgen wollen wir uns um 7 Uhr am Büro treffen.

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