Anscheinend hieß er Yassin

Jede Woche veröffentlicht Mediterranean Hope einen italienischsprachigen Blogbeitrag. In diesem Blog werde ich die Texte meiner Kollegen Marta Bernardini und Francesco Piobbichi regelmäßig ins Deutsche übersetzen.

Lampedusa, Agrigento (NEV), 09. September 2015 Anscheinend hieß er Yassin. Anscheinend kam Yassin aus Eritrea, wo er ohne Motiv verhaftet wurde und in eines der libyschen Lager gebracht wurde. Anscheinend hatte er einen kleinen Jungen und eine Frau in einem Aufnahmelager in Schweden und wollte zu ihnen. Dies ist gewiss. Gewiss ist außerdem, dass er leblos in Lampedusa ankam, wo er vor wenigen Tagen beerdigt wurde.

Er könnte hierher gekommen sein, um humanitäre Hilfe in Anspruch zu nehmen. Diese hätte ihm zugestanden – die Voraussetzungen dafür hätte er erfüllt. Doch er war gezwungen den riskanten Weg über das Meer zu nehmen, das ihm den Tod brachte.

Yassins Grab auf dem Friedhof von Lampedusa
Yassins Grab auf dem Friedhof von Lampedusa

Es ist die gleiche Geschichte wie die des kleinen Aylan und der vielen anderen Unschuldigen, die im Meer starben. Im Meer, das durch die Gesetze der Menschen zum Mörder wurde.
Wir haben keine Bilder von Yassin, doch seine Geschichte können wir trotzdem erzählen. Wir erzählen diese Geschichte so wie wir im Juni von Welela erzählt haben. Wir erzählen diese Geschichten, um den Menschen die angemessene Würde zu geben und um zu verhindern, dass sie in Vergessenheit geraten. Wir tun es um zu erzählen, dass die Geschichte eines Tages mit unseren Regierungen und ihren politischen Entscheidungen abrechnen wird.

In diesen Wochen im August haben wir mit konstant bleibender Geschwindigkeit von vielen Tragödien gehört und sind Augenzeugen geworden: 50 Vermisste in der vergangenen Woche. Verbrannte Leichen. Mütter, die ihre Söhne verloren haben. Söhne, die ihre weiteren Geschwister verloren haben.

Während wir diese Zeilen schreiben, lesen wir, dass in der libyschen Hafenstadt Zuwara die Leichen von 183 Menschen aufgetaucht sind, die im Laufe der vergangenen Wochen gestorben sind. Was hier stattfindet, ist ein lautloses Massaker. Es erfordert viel Mut, sich weiterhin im Hafen von Lampedusa aufzuhalten und allen, die dort ankommen, zu sagen: „Welcome in Italy“.

Wir sehen Lillo (Freiwilliger beim Roten Kreuz, Anm. SAl) in seinem roten Anzug, wie er jedes Mal ein Kind oder zwei nimmt und sie zum Bus bringt. Er und seine Familie sind das beste Beispiel für das gemütliche Italien, das keine Schlagzeilen macht, da es nicht schreit und keinen Hass streut.  Wir fragen uns: Wie kann Italien schweigen – angesichts eines Massakers wie diesem? Im August starben in der Meerenge von Sizilien doppelt so viele Menschen wie beim Erdbeben von L’Aquila. Zu Anfang des Jahres waren es zehnmal so viele. In den kommenden Monaten wird die Tragödie weitergehen. Einfach so. Welle für Welle.

Filo Spinato2Bisher haben nur wenige erkannt, dass es trotz der herausragenden Leistungen derer, die Menschen aus dem Meer retten, die Ausnahme ist, dass die Menschen überleben – der Normalfall ist die Tragödie, in der sie nicht gerettet werden. Das bedeutet vor allem, dass diese Tragödien, von denen wir wissen, nur Bruchteile von dem sind, was tatsächlich geschieht. Wir haben noch immer das Bild von der Frau vor Augen, die vor ein paar Tagen unter Schock erzählte, wie sie auf dem Meer ihre beiden Söhne verlor. Nun befindet sie sich im Auffanglager in Lampedusa, eingezäunt. Hinter Draht und ihrem Schmerz. Wir haben keine Möglichkeit sie zu treffen, sie zu umarmen und ihr Trost zu spenden. Während des Sommers verlassen die Migranten das Zentrum nicht. Sie lernen nicht die Solidarität der lampedusischen Gemeinde kennen; eine grenzenlose Solidarität denen gegenüber, die aus allen Teilen der Welt kommen.

Das Zentrum in Lampedusa könnte zu einem sogenannten Hot Spot werden; einem Ort zur Identifizierung der Migranten. Jetzt heißt es Hot Spot. Ein neuer Name, der auf eine gefährliche Art und Weise eine neue Grenze zwischen uns und ihnen zieht.
Die Namensgebung ist eine Entscheidung, die das Schicksal von Lampedusa in den nächsten Jahrzehnten beeinflussen wird. Sie werden sich nicht stark von den vergangenen Jahren unterscheiden, da der Krieg und die Verarmung weiterhin wachsen werden. Somit werden auch die Ströme von Flüchtlingen nicht abnehmen, die lebensgefährliche Reisen auf sich nehmen – nicht, solange es keine legalen Fluchtwege für sie gibt. Es werden sich in Kürze noch weitere Tragödien ereignen, doch scheint sich dies nicht auf das Bewusstsein unserer Regierung auszuwirken. Im Moment macht es den Eindruck, als würde Europa sein Verhältnis zu den Flüchtlingen verbessern. Das ist positiv und ein wichtiger Punkt, der weiterhin angegangen werden muss. Die syrischen Flüchtlinge haben sich auf ihrer Route bisher nicht von Zäunen abschrecken lassen. Wir sehen, wie viele Bürger derzeit ihre Solidarität gegenüber den Flüchtlingen ausdrücken, die mutig genug waren, Grenzen zu überqueren. Sie schenken uns einen Hoffnungsschimmer. Diese Hoffnung wird nicht in ganz Europa wahrgenommen: Eine hasserfüllte Politik der Abgrenzung verschließt vielen Menschen die Augen.
Gleichzeitig sehen wir auch ein Europa, dass sich dazu entschieden hat, Flüchtlinge zu klassifizieren und in Schubladen zu stecken: Die Flüchtlinge auf der einen und Wirtschaftsmigranten auf der anderen Seite; Syrer und Eritreer werden bevorzugt.

Wer flieht versucht zweifelsohne schrecklichen Situationen zu entkommen. Doch wem es tatsächlich gelingt vorwärts zu kommen, der riskiert es, am Ende im besten Fall von Stacheldraht und im schlimmsten Fall vom Meeresgrund umgeben zu sein.

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